Fanny Smith: „Mein Kopf kann Siege programmieren“

Die Waadtländerin Fanny Smith ist amtierende Weltmeisterin und Weltcupsiegerin im Skicross. Doch wie tickt die Einundzwanzigjährige eigentlich? Eine Charakterstudie in 36 Fragen.

Was ist besser? Gut fahren und verlieren oder schlecht fahren und gewinnen?

Fanny Smith: Schlecht fahren und gewinnen gibt’s im Skicross nicht. Du kannst aber gut fahren und verlieren. Etwa wenn jemand stürzt und dich mitreisst. Skicross kann verdammt grausam sein.

Was kannst du gar nicht?

Stillsitzen. Auf einer Couch zu sitzen macht mich nervös.

Dein erstes Paar Ski: Welche Marke war das?

Hej, da war ich erst zwei! Keine Ahnung mehr. Aber sie waren sicher von meinem älteren Bruder. Wie vieles andere, was ich bekam, weil es ihm nicht mehr passte.

Dein Sternzeichen ist Stier …

Ich glaube an Sternzeichen. Ich habe auch einen sehr starken Stier-Willen. Versuch mal, mich umzustimmen, wenn ich mir etwas in den Kopf gesetzt habe.

Das letzte Mal, dass du zu schnell Auto gefahren bist?

Noch nie!

Hast du gerade gelogen?

Ja.

Speed, Sprünge, Gerangel: Seit 2010 zählt Skicross zu den olympischen Disziplinen.

© GEPA-pictures

Was tust du ständig, obwohl du es dir abgewöhnen solltest?

Schokolade essen. Mein Trainer sagt, ich sollte es mir abgewöhnen. Ich denke aber nicht daran.

Dass Skicross an und für sich grausam ist, wissen wir schon. Geht es wenigstens fair zu, wenn da diese vier gegeneinander fahren?

Nicht immer. Es gibt Fahrer, die mit schmutzigen Tricks arbeiten. Einer -solchen unfairen Attacke verdankte ich 2011 mein gerissenes Kreuzband und eine zehnmonatige Pause.

Kann man ohne schmutzige Tricks überhaupt gewinnen?

Im Gegenteil. Die unfairen Fahrer sind meistens langsam. Wer schnell ist, braucht keine Ellbogentaktik.

Was macht einen Skicross-Weltmeister aus? Talent oder Wille?

Wenn eines davon fehlt, kommst du nicht mal in die Nähe einer WM. Das musst du voraussetzen. Was mich vielleicht schneller macht als andere, sind die Leidenschaft und der bedingungslose Spass an dem Sport.

Immer nur Spass? Skicross ist doch dein Job. Und sicher manchmal auch harte Arbeit.

Für mich war Skicross noch nie Arbeit.

Das letzte Konzert, auf dem du warst?

Jack Johnson. Lausanne. Freunde hatten mich mitgenommen. Es war das einzige Konzert, auf dem ich bisher war. Diesmal ehrlich!

Speedexpertin Fanny: „Bin ständig auf der Suche nach allem, was mich schneller macht.“

Dein ungewöhnlichstes Interview?

Vor zwei Jahren mit einer Journalistin eines waadtländischen Lokalblattes. Sie war motiviert, sympathisch und wirkte sehr interessiert. Doch beim Interview-Gegenlesen traute ich meinen Augen nicht. Da war alles falsch, was nur falsch sein konnte. Die ganze Nacht sass ich mit meiner Mutter an den Korrekturen. Am Ende war das Interview für mich fünfmal so viel Arbeit wie für die Journalistin.

Dein Rennstil?

Flüssig. Gute Technik. Zumindest sagen das die anderen.

Und was sagst du?

Am Start muss ich feilen. Reaktionszeit und Abstoss-Dynamik verbessern.

Dein letzter Kinofilm?

Das war vor ein paar Tagen und ein Reinfall. Ich wollte nicht daheim sitzen und erwischte die französische Liebesschnulze „Jamais le premier soir“ … ziemlich doof.

Deine härteste Konkurrentin?

Ophélie David. Sie ist furchtbar schnell. Aber zugleich wirklich nett. Ich würde sie gern nicht mögen, aber das geht nicht.

Wie reagierst du auf unfaire Attacken im Rennen?

Konsequent. Gleich im Ziel die Meinung sagen. Und zwar heftig. Weisst du, wir haben unter den Fahrern Fairnessregeln aufgestellt, um uns zu schützen. Wenn ein junger Fahrer dazukommt, kennt er die vielleicht noch nicht.

Was macht dir Angst?

Was ich selbst nicht beeinflussen kann. Ich habe Panik davor, dass mir beim Paragleiten der Schirm zusammenfällt oder mir beim Klettern das Seil reisst.

Du gehst, vermute ich, trotzdem paragleiten und klettern.

Klar. Der Adrenalin-Kick ist zu geil.

Stationen einer Karriere: Nach ihrem Kreuzbandriss 2011 krönt sich Fanny Smith 2013 zur Skicross-Weltmeisterin.

Lara Gut?

Top-Sportlerin. Extrem fokussiert. Und sympathisch. Manchmal vergleicht man uns, weil ich wie sie einen Privatcoach (Guillaume Nantermod, Boardercross-Weltmeister 2001; Anm.) habe und nicht nur mit dem Swiss-Ski-Team trainiere.

George Clooney oder Justin Bieber?

Clooney. Bei Bieber muss ich lachen.

Was geht in den Sekunden vor dem Start durch deinen Kopf?

Ich stelle mir vor, wie ich das Rennen gewinne. Es hilft. Mein Unterbewusstsein kann Siege programmieren.

Wie schaltest du während der Rennsaison ab, wenn du unterwegs bist?

Kommt aufs Hotel an, in dem ich bin. Wenn möglich mit Sauna oder Massage. Und wenn das nicht geht, einfach eine eiskalte Dusche.

Eiskalt?

Eis-eiskalt. Hinterher fühlst du dich herrlich. Man härtet auch schnell ab.

Du bist allein und hast eine Autopanne. Was tust du?

Hoffen, dass es eine Reifenpanne ist. Reifen wechseln kann ich nämlich.

Sommerurlaub?

Wasser, Sonne, Wildnis … Costa Rica!

Winterurlaub?

Haben Skicross-Profis nicht.

Von eins bis zehn: Wie ehrgeizig bist du?

Zehn.

Und wie äussert sich das?

Ich tüftle ständig. Und an allem. Zum Beispiel fahre ich meine Rennen mit Handschuhen aus der National Football League. Sehr dünn, wärmen nicht. Aber der Grip ist unvergleichlich. Oder mein Training. Ich trainiere in der Kraftkammer mit speziellen Brillen, die einen Mechanismus eingebaut haben, der sie alle paar Sekunden undurchsichtig macht. Das wechselt ständig. Coole Konzentrationsübung also, wenn du etwa einen Ball fangen musst. Ich glaube, das macht niemand ausser mir.

„Mein Tick vorm Rennen: Nägel rot lackieren. Rot hat Power.“

Wie oft streitest du mit deinem Coach?

Besser gar nicht. Zumindest nicht mit ihm. Wir sind ja beide starke Charaktere. Das ginge schlimm aus. Also höre ich geduldig zu, wenn er laut wird …

… und tust hinterher, was er sagt?

(Grinst.)

Wie lange brauchst du, um dich abends ausgehfertig zu machen?

Zwischen 15 Minuten und zwei Stunden. Entweder ich weiss auf Anhieb, was ich anziehe, oder ich werde unsicherer und unsicherer … bis ich Freunde bitte, zu kommen und mich zu beraten.

Irgendwelche Rituale, die du täglich befolgst?

Hab ich versucht – hat nicht geklappt. Guillaume wollte, dass ich durch Rituale mehr Struktur in meinen Alltag bringe. Scheiterte, weil ich so schusselig bin.

Wann warst du das letzte Mal richtig sauer auf jemanden?

Erst kürzlich beim Weltcuprennen am Kreischberg (in der Steiermark, Österreich; Anm.). Auf mich selbst. Im Finale lag ich knapp vor dem Ziel in Führung und verlor dennoch gegen Ophélie. Fotofinish.

Ein Tick von dir?

Vor jedem Rennen lackiere ich meine Fingernägel rot. Rot hat Power.

Was wäre aus dir geworden, hätte man Skicross nicht erfunden?

Freeriderin. Ich habe meine Freeride-Ski immer mit im Auto. Egal wo ich bin … Freeriden ist unbeschreiblich, dieses Gefühl, beinahe zu fliegen, mit der Natur eins zu werden – eine schier grenzenlose Freiheit.

Was macht Fanny Smith in 20 Minuten?

Gewichte stemmen in Lausanne.

Und was macht Fanny in 20 Jahren?

Schokolade essen. So viel ist sicher. Abgesehen davon … keine Ahnung.

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