Deutschlands Stürmerproblem im Fußball

Hat Deutschland ein Stürmerproblem? - Analyse mit Hannes Winzer

Interview: Raphael Honigstein
Foto: Getty Images  

Ex-DFB-Stützpunkttrainer Hannes Winzer nimmt im Gespräch mit Kolumnist Raphael Honigstein zur Diskussion einer Fußballnation Stellung. Und attestiert Mängel im System.
Raphael Honigstein
Raphael Honigstein

u.a. Fußball-Korrespondent bei „The Guardian“, Autor bei der „Süddeutschen Zeitung“ und seit kurzem Kolumnist bei „The Red Bulletin“
twitter.com/honigstein

Hier erfährst du …

  • Warum es immer weniger echte Mittelstürmer gibt
  • Welcher Star dem Stürmer-Ideal am nächsten kommt
  • Warum der DFB beim FC Valencia spionierte
  • Welche Auswirkungen der Matthäus-Effekt hat

 

THE RED BULLETIN: Nach der EM in Frankreich ist der Eindruck entstanden, in Deutschland gebe es keine echten Stürmer mehr. Wie sehen Sie das? 
 
HANNES WINZER: Wir haben in Deutschland eine Menge richtig guter Stürmer. Aber das ist natürlich Definitionssache. Wenn wir den klassischen Mittelstürmer alter Prägung suchen, dann stimmt es: da sind wir sicher nicht Weltklasse, vor allem nicht in der Breite. Die Frage ist aber: Welches Land ist das? Wie oft gibt es noch diesen Typ Stürmer? Und wieso kommt der Ruf danach jetzt auf? 
 
Ja, wieso?
 
Deutschland war bei der EM so dominant. Man hatte viel Ballbesitz, spielte viel in des Gegners Hälfte, wusste irgendwann aber nicht mehr weiter. Deswegen der Ruf nach einem Mittelstürmer. Damit wir den Ball hoch reinchippen und dann reinköpfen können. Das wird meiner Meinung nach der Komplexität des Spiels aber nicht gerecht. Das ist nur die halbe Wahrheit. 

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Die ganze Wahrheit wäre?
 
Man muss immer sehen, welche Spielphilosophie verfolgt wird. Das deutsche Spiel ist auf Dominanz und Ballbesitz ausgerichtet. Wenn das vorne im Sturm mal nicht fruchtet und wir uns in den engen Räumen fußballerisch nicht entscheidend durchsetzen können, durch Passspiel oder Einzelaktionen, denkt man schnell, ein “echter” Mittelstürmer und ein paar Flanken würden das richten. Für eine Aufholjagd über 10, 15, 20 Minuten kann das auch mal eine Option sein. Aber eigentlich will man diesen Spielertyp die restlichen 70 Minuten nicht sehen.

Ballbesitzfußball lässt sich eben besser mit wendigen, schnellen Leuten aufziehen, die auch gegen den Ball im Verbund pressen und ihn schnell zurückerobern. Ein echter Neuner schafft das vielleicht nicht. Dann kommt auch die eigene Abwehr schneller unter Druck und das Problem, vorne trotz Dominanz nicht durchzukommen, stellt sich gar nicht, weil man den Ball gar nicht lange genug hat. Systeme schaffen sich ihre Akteure. Wenn der Akteur nicht im Sinne des Systems funktioniert, kann er nicht Teil dessen sein. Der Trend ging, ausgehend vom FC Barcelona in den vergangenen Jahren, weg vom klassischen Mittelstürmer.

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Werden die echten Neuner in Zukunft ganz verschwinden?
 
Das glaube ich nicht. Aber die Anforderungen an Mittelstürmer sind so komplex geworden, dass traditionelle Mittelstürmer sie kaum noch erfüllen können. Heute wird verlangt, dass der Mann vorne viel unterwegs ist, mitspielt, den Ball hält, sich im Eins-gegen-Eins auch mit Ball am Fuß durchsetzt und dazu den Gegner am Spielaufbau effektiv hindert. Spieler, die diese klassischen und modernen Elemente in sich vereinen, gibt es so gut wie gar nicht. Robert Lewandowski kommt dem Ideal noch am nächsten. Der ist aber eine Ausnahmeerscheinung. 
 
Wieso gibt es in Deutschland momentan so einen Ausnahmestürmer nicht? 
 
Was ist denn ein Ausnahmestürmer?

„Flick war in Valencia und hat dort geschaut, wie die es schaffen, so viele gute linke Verteidiger zu produzieren. Die Spanier meinten: ‚Ja, wenn wir das wüssten, würden wir auch tolle Rechtsverteidiger produzieren.‘“


 
Jemand, der wahnsinnig viele Tore schießt. 
 
Thomas Müller macht das doch. Zumindest ist er da schon sehr nahe dran, auch in der Nationalmannschaft. Selbst wenn er jetzt mal ein paar Spiele nicht getroffen hat. In Frankreich wurde Antoine Griezmann bewundert, aber der hatte es auch einfacher. Die Franzosen hatten Probleme im Spielaufbau, waren nicht so dominant und hatten deswegen mehr Platz nach vorne. Das mag jeder schnelle Spieler. Da konnte Griezmann ähnlich wie bei Atlético brillieren, aber gegen tiefstehende Mannschaften wie Portugal wurde es auch für ihn schwierig. Den Typ Griezmann haben wir aber zuhauf: Brandt, Draxler, Reus, Sané, Schürrle, Bellarabi. Sie alle haben gutes Tempo, sind beweglich zwischen den Linien, können Tore machen. Deswegen mache ich mir gar keine Sorgen.
 
DFB-Sportdirektor Hansi Flick hat neulich gesagt, man habe das Stürmerproblem erkannt und arbeite daran. Es scheint also doch irgendwie mit dem Toreschießen zu haken.
 
Ein Faktor, den man beim Fußball nie unterschätzen sollte, ist Glück. Flick war in Valencia und hat dort geschaut, wie die es schaffen, so viele gute linke Verteidiger zu produzieren; Deutschland hat ja ein Außenverteidigerproblem. Die Spanier meinten: “Ja, wenn wir das wüssten, würden wir auch tolle Rechtsverteidiger produzieren.” Diese eine erfolgsversprechende Schablone, die man in der Jugend anlegt, um Spieler für spezielle Positionen auszubilden, die gibt es nicht. Man kann sich Technik, Schnelligkeit und Robustheit zu einem gewissen Grad aneignen. Aber wenn man wieder Lewandowski hernimmt: der lebt trotz allem Fleiß auch enorm von dem, was ihm Mutter Natur mitgegeben hat. Man kann das nicht züchten. 

 

Robert Lewandowski gilt als Inbegriff des kompletten Mittelstürmers.

© YouTube // Jheffootball

Gezüchtet werden in Deutschland ja seit 2000 hauptsächlich schnelle, flinke Spieler. Kommen dabei vielleicht andere Aspekte zu kurz?
 
Wir hatten um die Jahrhundertwende das Problem, von dieser Art von Spielern - Flügelstürmer, torgefährliche Zehner - viel zu wenige zu haben. Die Ausrichtung auf Technik und Spielwitz hat ein Überangebot produziert, andere Aspekte sind ein wenig aus dem Fokus gerückt. 
 
Werden Spieler, aus denen klassische Stürmer hätten werden können, also systematisch benachteiligt?
 
Ein grundsätzliches Problem in der Ausbildung ist auch immer der Matthäus-Effekt: Wer hat, dem wird gegeben. Wer also bereits schnell und technisch gut ist, wird unterstützt. Wer nicht, nicht. Die eher größeren, nicht so wendigen Spieler, die einem auf den ersten Blick nicht so zusagen, fallen so häufiger hinten runter. Gesellschaftliche Faktoren spielen da aber auch mit, denke ich. 
 
Welche denn?
 
Die heutige Generation ist mit YouTube aufgewachsen. Sie haben sich hundertfach Clips mit den besten Tricks der Großen angeschaut. Die Helden, denen nachgeeifert wird, sind nicht mehr die Ursprungshelden, die buchstäblich das Ziel des Spiels treffen, die Vollstrecker, die Ball-über-die-Linie-Drücker. Sondern die Künstler, die Trickser, die Gegner ausspielen oder Traumpässe spielen. Das fing in den Neunziger Jahren mit den Werbekampagnen von Nike und den Brasilianern an. Ronaldinho stand für seine Tricks. Dass er auch Tore schoss, wurde weniger betont. Die echten Mittelstürmer gelten heute nicht mehr als sehr sexy.

Hannes Winzer, Ex-DFB-Stützpunkttrainer mit A-Lizenz, spielte früher mit Per Mertesacker in der U19 von Hannover 96. Heute betreut der ehemalige adidas-Manager in seiner Sportagentur zB. Serge Gnabry.

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08 2016 The Red Bulletin

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