Marcel Reif Kolumne: Ist der FC Barcelona am Ende

Steht der FC Barcelona (und auch der FC Bayern) vor dem Ende einer Ära?

Text: Marcel Reif
Illustration: blagovesta bakardjieva

Kommentatorenlegende Marcel Reif fragt sich in seiner exklusiven Kolumne, wie lang Superklubs wie Barcelona und Bayern noch ihre Ligen dominieren können.
Marcel Reif

Sportjournalist, TV-Kommentator, Buchautor: Der Fußballspezialist hat dank seiner Leidenschaft und Präzision eine Fangemeinde – und doch spalten seine scharfen Analysen bisweilen das Publikum.

Es ist das Normalste auf der Welt, dass auch bei den ganz großen Klubs der Erfolg in Zyklen verläuft. Nur können die Schwergewichte des europäischen Fußballs diese Ausschläge bis zu einem gewissen Grad abfedern, indem sie sich bei jeder noch so minimalen Abweichung vom obligatorischen Siegespfad fragen: Wie kann ich meinen Platz an der sportlichen und ökonomischen Sonne auf lange Zeit sichern?

Beim FC Barcelona scheint dieser sensible Seismograph jedoch an Sensibilität verloren zu haben, und nicht erst seit dem 0:4-Desaster gegen Paris Saint-Germain im Achtelfinale der Champions League – trotz des beispiellosen 6:1-Jahrhundertsiegs im Rückspiel – droht der Stolz Kataloniens seine Vorherrschaft einzubüßen.

Machen wir uns nichts vor: Ein Verein wie Barça wird immer eine wichtige Rolle spielen, aber die Zeiten, als die Katalanen mit traumwandlerischer Selbstverständlichkeit ihr kunstvolles Tiqui-taca zelebrierten, sind vorbei. Das hat Gründe: Auch wenn es die Entscheidungsträger in den Chefetagen anders sehen, verspüren junge Menschen eine gewisse Sättigung, wenn sie ein Jahrzehnt lang alle Pokale dieser Welt abgeräumt haben

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Und die Schere in der Primera División klafft mittlerweile so weit auseinander, dass die Spieler nicht mehr jede Woche gefordert sind, wenn es gegen Underdogs wie Alavés, Eibar, Gijon oder Osasuna geht. Die Frage, ob man da nicht während der Saison die Füße hochlegen und, voll im Saft stehend, in die entscheidende Phase des Fußballjahres tänzeln könne, mag legitim sein. Aber es ist nicht so einfach, den Schalter umzulegen und sich Woche für Woche durch die Mühen der Liga zu wühlen. Es kostet vor allem sehr viel mentale Kraft, die irgendwann aufgebraucht ist.

„Er ist noch immer der Beste der Welt, aber auch er lässt verdrossen die schmalen Schultern hängen, wenn’s nicht so funktioniert wie gewohnt“
Marcel Reif, Messi-Fan

Die Stars aus dem Camp Nou wie Piqué, Iniesta, Busquets und bis vor kurzem Xavi haben ein Jahrzehnt lang die Szene dominiert und auch für Spanien alles gewonnen, was es zu gewinnen gibt. Über Genius Messi mag ich nicht diskutieren – bei ihm ist die ganze Region beleidigt, wenn er nicht im Alleingang sämtliche Klubtitel holt (und für Argentinien die Weltmeisterschaft). Er ist noch immer der Beste der Welt, aber auch er lässt verdrossen die schmalen Schultern hängen, wenn’s nicht so funktioniert wie gewohnt.

Seit Pep Guardiolas emotionalem Abgang hat Barcelona die Meriten verdienstvoller Spieler allzu hoch gehängt und es verabsäumt, rechtzeitig eine neue Ära einzuläuten. So wie es einst Juventus vorexerziert hat, als man gerade im Moment der bedeutendsten Erfolge Weltstars wie Zidane oder Platini in Würde verabschiedet hat. Frei nach dem Motto: Mehr ist nicht mehr rauszuholen, zurück an den Start.

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La Masia nicht unerschöpflich

In Barcelona hat man sich zu sehr im hellen Glanz des Tiqui-taca gesonnt und sich selbstverliebt als Erfinder des allein selig machenden Systems gefeiert. Heute ist dieser Barça-Code längst entschlüsselt, aber die Spieler können sich nicht mehr umstellen. Input von außen täte gut, jedoch hat jeder Trainer außerhalb der von Cruyff angepflanzten Monokultur automatisch schlechte Karten. 

Barcelonas legendäre Talentequelle „La Masia“ sprudelt nicht mehr so wie unter dem großen Holländer, der in sechs Jahren 30 Akademiespieler zu den Profis beförderte. Und Barça muss heute beim Rest der Welt gucken, schließlich kann das Reservoir an Hochbegabten auch in Katalonien nicht unerschöpflich sein.

Kaum zu glauben, was für Spieler La Masia produziert hat.

© YouTube // Euro Football Daily

Droht Messi-Abgang?

Trainer Luis Enrique, der in seinem ersten Jahr (2014/15) noch das Triple holte, hat sich am Umbruch die Zähne ausgebissen. Es wundert daher keinen, dass Präsident Josep Bartomeu den Taktstock im Sommer einem neuen Dirigenten in die Hand drücken wird.

Die wahre Götterdämmerung könnte Barcelona jedoch noch bevorstehen: Es ist für mich durchaus denkbar, dass der bald dreißigjährige Messi noch einmal etwas anderes erleben will und sich in Richtung Paris oder Manchester aufmacht.

Auch Bayern muss handeln

Auch der unter Carlo Ancelotti bisher mehr durch gnadenlose Effizienz denn spielerische Brillanz imponierende FC Bayern steht vor einer einschneidenden Neuausrichtung – darüber können auch Spektakel wie gegen Arsenal oder den HSV nicht hinwegtäuschen.

Im Gegensatz zu Barcelona haben die Münchner jedoch selbst erkannt, dass ihr Personal in kurzen Hosen an biologische Grenzen stößt. Lahm wurde bewusst, dass Alter nicht nur eine Zahl ist, Stratege Alonso geht ebenso in Pension, und das baldige Ende der Flügelzange mit Robben und Ribéry ist zum Greifen nahe. 

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„So schön das Lied von eigenen Leuten mit bayrischer Identität auch klingen mag – es funktioniert nicht. Richten muss es mit Michael Reschke der wohl beste Kaderplaner, der zu bekommen ist.“

Mit Hoeneß und Rummenigge sind jedoch richtig fähige Patriarchen am Ruder, die vorsorgen und sich immer wieder neu erfinden. Sie wollen einen sanften Übergang, und irrwitzige Transfers jenseits der 50-Millionen-Grenze sind an der Säbener Straße ohnehin tabu – auch wenn solche Summen durchaus zu stemmen wären.

Die Crux dabei: Ein Übergangsjahr ist in München undenkbar, ein Erreichen des Champions-League-Halbfinales genügt den eigenen Ansprüchen nicht, Meistertitel und Pokalsieg sind obligat geworden. Ob das neue Jugendzentrum mittelfristig eine Lösung für die Kostenexplosion auf dem internationalen Transfermarkt bieten kann, wage ich zu bezweifeln. So schön das Lied von eigenen Leuten mit bayrischer Identität auch klingen mag – es funktioniert nicht. Müller, Alaba und Badstuber waren die Letzten, die es damals, 2010 unter van Gaal, in den Profikader geschafft haben. Heute würde ich keinem Talent raten, zu versuchen, sich bei den Bayern durchzusetzen, und sogar ein vielversprechender Nationalspieler wie Kimmich bekommt kaum Einsätze.

Richten muss es mit Michael Reschke der wohl beste Kaderplaner, der zu bekommen ist. Der ist permanent unterwegs, lebt Understatement und verschwendet seine Zeit nicht mit Interviews.

Marcel Reif über das Phänomen RB Leipzig

Ich bin bei aller Anerkennung kein ­fanatischer Fan des Leipziger „ Pistolero-Fußballs", wie ich ihn nenne. Dieses ­fiebrige, brachiale Pressing, das auch ­ Roger Schmidt in Leverkusen weniger ­erfolgreich praktiziert, ist nicht nach ­meinem Geschmack. Das funktioniert nur mit jungen Spielern - und Tempo ist alles im RB-Imperium.

Zeigt RB Leipzig nicht vor, dass es sehr wohl möglich ist, mit ganz jungen Spielern Richtung Europa zu stürmen? Was in Leipzig mit viel Gespür und sinnvollem Einsatz der Mittel passiert, ist ein anderes Modell als das der Bayern. Und ich bin schon sehr gespannt, ob Leipzig im Falle einer Qualifikation für die Champions League am Credo des Alterslimits und der Gehaltsobergrenze festhält.

Denn gerade für den Visionär Dietrich Mateschitz gilt: Nichts schmeckt besser als der Erfolg.

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05 2017 The Red Bulletin

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