Marcel Reif Kolumne

Marcel-Reif-Kolumne:
Kein Gnadenbrot für Schweinsteiger

Text: Marcel Reif
Illustration: blagovesta bakardjieva

Die Kommentatoren-Legende spricht in seiner exklusiven Kolumne über den bei Manchester United aufs Abstellgleis geschobenen Bastian Schweinsteiger und was uns die Causa über Anstand und Moral im Fußball lehrt.

José Mourinhos Worte waren an Zynismus nicht zu überbieten. Überrascht sei er und habe eigentlich erwartet, dass Rummenigge herbeieilen und Schweinsteiger zurückholen würde. So spottete der Trainer von Manchester United im Presseraum von Old Trafford, nachdem er mit einem Statement des Bayern-Bosses konfrontiert worden war, dass „Bastian bei uns nie so verabschiedet worden wäre“.

Die traurige Posse um den bei ManUnited hoffnungslos aufs Abstellgleis geschobenen Bastian Schweinsteiger ist mittlerweile zur Causa prima im internationalen Fußball mutiert – und zu einem Lehrstück von Moral und Anstand. 

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Bei einem Protagonisten wie Schweinsteiger, der Kapitän der Nationalmannschaft war und sein Land zum WM-Titel geführt hat, schreien natürlich viele in Deutschland laut auf. Dabei sollte man in München nicht ganz vergessen, dass man auch Weltmeister Mario Götze unmissverständlich klar gemacht hat, seine Zukunft liege nicht beim FC Bayern.

„Im Milliardenbusiness Fußball ist scheinheiliges Mitleid fehl am Platz und Dankbarkeit kein kategorischer Imperativ.“
Marcel Reif: Sportjournalist, TV-Kommentator, Buchautor

Ich hatte schon den Kopf geschüttelt, als ich hörte, dass Schweinsteiger nach Manchester wechseln werde. Er hat schon in München gespürt, dass er höchsten körperlichen Ansprüchen nicht mehr genügt, und war schlecht beraten, das Rad der Zeit ausgerechnet in der noch intensiveren Premier League zurückdrehen zu wollen.

Was die Legitimation von Mourinhos gnadenloser Demontage von Schweinsteiger – punktgenau an dessen Geburtstag – betrifft, bin ich im Zwiespalt. Einerseits darf man nicht bloß alte Meriten bemühen, und ein Verein wie Manchester United, der wieder zur Weltspitze gehören will, kann es sich nicht leisten, Gnadenbrot zu verteilen. Im Milliardenbusiness Fußball ist scheinheiliges Mitleid fehl am Platz und Dankbarkeit kein kategorischer Imperativ.

Basti Schweinsteiger on Twitter

Good morning, everyone! Just wanted to say thanks for all your kind messages! #mufc

Und natürlich steht Mourinho unter Druck: Im Hinterhof von Old Trafford ist Guardiola dabei, ein neues Monster zu erschaffen. José „The Special One“ hat zum Beginn seiner Karriere beim FC Porto Grandioses geschaffen und konnte sich im Anschluss an den Gewinn der Champions League 2004 aussuchen, zu welchem großen Klub er wechselt. Nach den Erfolgen mit Chelsea und dem Champions-League-Triumph mit Inter Mailand hat er sich an sich selber berauscht.

Dieses Phänomen ist ihm mittlerweile längst entglitten, und sollte er in Manchester scheitern – wohin dann noch? Früher hieß es immer, er habe die Kabine hinter sich, aber schon bei Real hinterließ er in ebendieser Kabine einen Trümmerhaufen. Aus Bernabeu musste er weg, weil er den Verein gespalten hatte und die Anti-Mourinho-Fraktion nicht mehr zu besänftigen war.

In Manchester als „Messias“ empfangen, weht Mourinho nun rauerer Wind entgegen.

© YouTube // 442oons

Mittlerweile ist der Egomane nur noch ein schwer erträglicher Zyniker, der beinahe über Leichen geht. Anstand und Moral sind ihm egal, es zählt nur sein eigener Erfolg, er verbreitet Angst und Schrecken. Mit Mourinho werde ich in diesem Leben nicht mehr klarkommen, meine Erziehung war anders. Und ob man auf diese Art die Spieler auf seine Seite bringt – ich bezweifle es. 

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Was Mourinho mit Schweinsteiger betreibt, ist ein unwürdiges, obszönes Spiel mit einem verdienten Meister des Sports. Ich bin fassungslos, nicht mal einen Jugendspieler darf man so behandeln. Nun sind weder der empathielose Portugiese noch der kalte Projektmanager Pep Guardiola je in den Verdacht geraten, die menschlichen Bedürfnisse ihrer Profis vor deren sportliche Leistungsfähigkeit zu stellen. Mourinho glaubt zu erkennen, dass Schweinsteiger nicht mehr in dem Zustand ist, ihm und dem Verein zum Erfolg verhelfen zu können. Exakt in dieser Reihenfolge. Wir sind in Manchester – und United hält sich für den größten Klub der Welt, obwohl er sich in den letzten Jahren ziemlich lächerlich gemacht hat.

„Was Mourinho mit Schweinsteiger betreibt, ist ein unwürdiges, obszönes Spiel mit einem verdienten Meister des Sports.“

Bastian Schweinsteiger ist kein Hallodri, eher ein Musterprofi. Aber die langen Jahre seiner Karriere haben ihren Preis: Verletzungen. Und so hatte sich das Aus schon unter Louis van Gaal angebahnt. Mag sein, dass auch Schweinsteigers Hochzeit mit Ana Ivanović und seine zahlreichen Trips in die USA das alles beschleunigt haben. Jetzt wünsche ich ihm, dass er im Winter in der MLS im warmen Florida anheuert, nahe bei seiner Frau.

Ich hoffe und bin sicher, dass er nicht wirklich über die Maßen versucht, in und für Manchester zu spielen. Seine Ansage, er werde seinen Vertrag erfüllen, heißt übersetzt: Der Poker um die Auflösung des mit 220.000 Pfund pro Woche dotierten Vertrags hat begonnen. United wird ihn am Ende mit einem goldenen Ticket vom Hof begleiten müssen.

utdreport on Twitter

Photo: Mourinho and Schweinsteiger at UNICEF gala [squawka]

Schweinsteiger ist längst nicht der Einzige, dem die egomanische Besessenheit eines Mourinho und eines Guardiola zum Verhängnis wurde. Der Katalane hat jetzt Yaya Touré ausgemustert, dem die Citizens viele Erfolge verdanken. Touré ist 33. Das kann nicht bedeuten, er spielt bis 50, aber ist es nicht möglich, zu vereinbaren, dass eine gemeinsame Reise mit einem würdevollen Abschied zu Ende geht?

„Doch Bastian Schweinsteiger ist nicht der Einzige, dem die Besessenheit eines Mourinho oder eines Pep Guardiola zum Verhängnis wurde.“

Ist Guardiola nicht bewusst, dass man sich im Fußball öfter trifft und Zlatan Ibrahimović, von ihm bei Barça ausgebootet, mit einem Samuraischwert zwischen den Zähnen zu den Manchester-Derbys anreisen wird? Toni Kroos war eine prägende Figur des Bayern-Spiels, aber Guardiola wollte unbedingt Thiago Alcántara. Mit einem wenig wertschätzenden Angebot wurde Kroos der Wechsel nicht wirklich schwergemacht. Aber wenigstens haben es die Bayern fast immer geschafft, dass ihre Spieler durch die Vordertür rausgingen und genau da wieder reinkommen konnten.

Im Fall von Mesut Özil, der in Santiago Bernabéu von Mourinho rausgeekelt wurde, hat wenigstens Real Klasse bewiesen und ihn adäquat verabschiedet. Kevin De Bruyne hat Mourinho gleich zweimal aus London weggeschickt – auch der große Schachspieler kann sich offenbar ebenso irren wie Alex Ferguson, der Paul Pogba aussortierte.

Wieso die Star-Trainer Englands Fußball (langfristig) schaden

Der Trainerkult hat hier keine Reihe von Schülern und Epigonen hervorgebracht, die bereit sind, die Arbeit ihrer Mentoren fortzusetzen. Die großen, erfolgreichen Trainer der Premier-League-Geschichte waren allesamt Unikat, entweder unfähig oder schlicht nicht willens, eine Fußballkultur zu entwickeln, die auch ohne sie weiterlebt.

„Im Spannungsfeld von Moral und Leistungsgesellschaftgibt es immer noch genug Raum für Respekt und eine Kultur des Abschieds.“

Natürlich sollten Spieler idealerweise erkennen, wann es zu Ende geht – nur: Selbsteinschätzung und Selbstkritik kann man nicht einklagen. Moral und Leistungsgesellschaft bilden ein Spannungsfeld. Aber in diesem Spannungsfeld gibt es immer noch genug Raum für Anstand, Respekt und eine Kultur des Abschieds.

Sonst müsste ich meine kindliche Zuneigung zum Fußball überdenken, und das Spiel würde mehr und mehr seine Seele verlieren, wenn nach normalen Regeln lebende Menschen es nicht mehr begreifen. Nimmt man dem Spiel jegliche Menschlichkeit, spüren das die Fans. Ihnen kann man vieles zumuten, aber nicht alles. 

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11 2016 The Red Bulletin

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