Marcel Reif Kolumne

Die Marcel-Reif-Kolumne:
Was macht einen guten Trainer aus?

Text: Marcel Reif
Illustration: blagovesta bakardjieva

Kommentator-Legende und Fußballspezialist Marcel Reif spricht in seiner exklusiven Kolumne über die neue Trainergeneration und die Frage, ob ehemalige Nationalspieler die besseren Fußballtrainer sind.
Marcel Reif

Sportjournalist, TV-Kommentator, Buchautor: Der Fußballspezialist hat dank seiner Leidenschaft und Präzision eine Fangemeinde – und doch spalten seine scharfen Analysen bisweilen das Publikum.

Als man den italie­nischen Meister­trainer Arrigo Sacchi einmal fragte, ob er als ehemaliger Amateurkicker von eher bescheidenem Talent überhaupt das Know-how habe, das Weltklasse-Orchester des AC Milan zu dirigieren, kramte der Maestro der modernen Taktik tief in der Ironie­kiste: Man müsse doch auch kein Pferd sein, um reiten zu können, so seine trockene Replik.

Während noch vor wenigen Jahren eine erfolgreiche Profilaufbahn mit ­möglichst vielen Titeln, Länder- und Ligaspielen auf dem Konto das Nonplusultra war, um wenigstens in die Nähe einer Trainerbank zu gelangen, geht der Trend in der Bundesliga und natürlich auch international längst in die entgegen­gesetzte Richtung. Fußball ist zu komplex, um nicht zu sagen: kompliziert, geworden, als dass heute markige Sprüche in der Kabine und das Charisma eines großen Spielers mit mehr oder weniger ausgeprägter Neigung zur Lernresistenz ausreichten, um eine Mannschaft im Griff zu haben.

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Profi und Trainer sind zwei völlig ­unterschiedliche Berufe. Die leitenden Angestellten der Vereine sind heute ­hochqualifizierte Fachleute mit häufig universitärem Background, die lieber den Laptop einschalten, als die alten Medizinbälle aus dem Regal zu holen.

„Als Trainer solltest du im Idealfall mindestens eine eierlegende Wollmilchsau sein, die nicht nur die Trainingslehre blind beherrscht, sondern auch profunde Kenntnisse in vielen anderen Bereichen“
Marcel Reif: Sportjournalist, TV-Kommentator, Buchautor

Als Trainer solltest du im Idealfall mindestens eine eierlegende Wollmilchsau sein, die nicht nur die Trainingslehre blind beherrscht, sondern auch profunde Kenntnisse in Pädagogik, Videotechnik, Analytik und Rhetorik besitzt, darüber hinaus ein halber Mediziner ist und mit hoher Sozialkompetenz glänzt.

Hochdekorierte Welt- und Europameister wie Lothar Matthäus, Andi ­Brehme, Mario Basler oder Stefan Effenberg werden von immer jüngeren Fachkräften aus dem Spiel genommen oder verdingen sich wie Mehmet Scholl und Oliver Kahn als TV-Experten. Kein ­Wunder, dass der DFB seine verkürzten ­Sonderlehrgänge für verdiente Nationalspieler wieder abgeschafft hat. Die Vielfalt der Anforderungen hat sich eben derart potenziert, dass der Trainerjob nicht mehr im Schnelldurchgang erlernt werden kann. Niemand bezweifelt ernsthaft, dass Lothar Matthäus enorm viel über Fußball weiß – trotzdem wird aus ihm wahrscheinlich kein großer Trainer.

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Und „Retter“ wie Peter Neururer, Klaus Augenthaler oder Felix Magath, die einst wie Feuerwehrmänner mit heulenden ­Sirenen von einem Brandherd zum nächsten gehetzt sind, sind aus der lange üblichen Rotation gefallen. 

Abgelöst wurden sie durch eine ­Riege von hochbegabten Lehrern aus dem Nachwuchsbereich, die in Stuttgart, Mainz und Hoffenheim mit ihren klaren Ideen vom Spiel und hoher taktischer Kompetenz fast eine eigene Denkschule etablierten: Thomas Tuchel, Jürgen Klopp, Bernhard Peters, Martin Schmidt, Jogi Löw, Markus Gisdol oder Hansi Flick.

Was sie sonst noch gemeinsam haben: Jeder ist im Laufe seiner ­Karriere irgendwann mit Ralf Rangnick in Berührung gekommen, der seinerzeit heftige Prügel kassierte, nachdem er im „Aktuellen Sportstudio“ die Viererkette erklärt hatte.

© YouTube // IFreezeYourMind

Extremstes Beispiel der neuen Trainer­generation ist Julian Nagelsmann, der in Hoffenheim ausgebildet wurde, um mit zarten 28 Jahren Bundesligatrainer zu werden. Bremens Alexander Nouri und der neue Stuttgart-Coach Hannes Wolf sind nur unwesentlich älter.

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Reicht es heutzutage aus, die Theorie des Spiels zu beherrschen, ohne selbst unfallfrei gegen den Ball treten zu können? Muss man nicht aus eigener Erfahrung wissen, wie es sich anfühlt, in einem ­Stadion vor 70.000 Fans zu bestehen? Und bedarf es nicht auch einiger Lebenserfahrung, um 25 Egomanen führen zu können? Mangelnde persönliche Profi-Erlebnisse kann man kompensieren – aber ohne Ausbildung auf höchstem Niveau geht’s nicht mehr.

„Muss man nicht aus eigener Erfahrung wissen, wie es sich anfühlt, in einem ­Stadion vor 70.000 Fans zu bestehen?“

Ich war mir bei Zinédine Zidane nicht sicher, ob er es im hitzigen Madrid hinkriegt. Der muss dort als Trainer­novize nicht nur Cristiano Ronaldo und ähnliche Kaliber bei Laune halten, sondern sie auch nach ihren taktischen Möglichkeiten einsetzen können. Natürlich beflügelt es die Phantasie der Stars, wenn ein Kapazunder wie Zidane die ­Ansprache hält.

Moderne Fußball-Lehrer wie ­Thomas Tuchel greifen aber noch viel ­kreativer in die Trickkiste: Das Mastermind der neuen deutschen Trainerszene ging einst vor einem Spiel der Mainzer beim FC Bayern in die Kabine und zeigte seinen verblüfften Profis kommentarlos Al Pacinos legendäre Motivationsrede aus dem Blockbuster „An jedem verdammten Sonntag“ – Mainz reiste mit drei Punkten nach Hause (6. Spieltag, 2010/11).

© YouTube // Schichgebak Shishi

Pierre Littbarski verfolgte einmal in seiner Zeit als Assistent in Leverkusen (im Frühjahr 2001, unter Berti Vogts), mit wachsendem Unmut die Freistoßkünste der Mannschaft. „Ihr habt ja noch die Schuhspanner ­drinnen!“, spottete der Feinmechaniker und zirkelte vier von fünf Bällen ins Kreuz­eck.

„In einem Schachspiel auf höchstem ­Level muss der Trainer die Spieler überzeugen und ihnen Lösungen anbieten, wie sie sich und ihr Spiel weiterentwickeln können.“

Im abschließenden Trainingsspiel wurde Littbarski derart abgegrätscht, dass er beim nächsten Bundes­liga-Auftritt mit dickem Knöchelverband auf der Bank Platz nehmen musste.

So ist heute eine Mannschaft nicht mehr zu führen, und zu demonstrieren, dass früher alles besser war, reicht nicht. Auch ein ganz Großer wie Ernst Happel würde heute nicht mehr allein damit punkten, dass er seinen Schützlingen persönlich vorzeigt, wie es geht.

In einem Schachspiel auf höchstem ­Level muss der Trainer die Spieler überzeugen und ihnen Lösungen anbieten, wie sie sich und ihr Spiel weiterentwickeln können. Respekt erwächst heute nur noch aus dem glaubwürdigen Vermitteln von Inhalten. Und Charisma kann man nicht lernen – sogar ein wahrer Menschenfänger wie Jürgen Klopp hat seine spezielle Aura erst aufgebaut, nachdem sich seine theoretischen Ansätze auf dem Platz bewahrheitet hatten. 

Jürgen Klopp: 10 Erfolgsregeln des Liverpool-Trainers

Nach einer Niederlage seiner Mannschaft hält man sich von Jürgen Klopp besser fern: Schiedsrichter, Journalisten, sogar der eigene Pressesprecher - niemand ist in solchen Momenten vor seinen Wut­ausbrüchen sicher. Der Trainer-Vulkan lebt fürs Gewinnen. Was Jürgen Klopp antreibt, ist der ­maximale Erfolg. Das war von klein auf so.

Übrigens: Den Übertrainer, nach dem weltweit gefahndet wird, gibt es derzeit (noch) nicht.

Selbst Pep Guardiola und José Mourinho sind Personalchefs mit ­gewissen Defiziten: Der eine benötigt zu große Distanz zu seinen Männern in ­kurzen Hosen, dem Portugiesen wiederum ist in seiner manischen Erfolgs­besessenheit der Anstand abhanden­gekommen.

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11 2016 The Red Bulletin

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