Newall Hunter: Adventurers Grand Slam

Newall Hunter: der 53-jähriger IT-Techniker, der zu einem der weltbesten Abenteurer wurde

Text: Justin Hynes
Foto: HENRY HUNT

„Grand Slam der Abenteurer“: So heißt die Challenge, die sieben höchsten Gipfel der Welt, den Nord- und den Südpol zu erreichen. Bisher gelang das nur 15 Menschen. Ein sehr wenig abenteuerlich aussehender 53-jähriger IT-Techniker aus Schottland ist unter ihnen. Wie um alles in der Welt hat der Kerl das geschafft?

Der Spaziergang durch die Korridore der Londoner Royal Geographical Society ist eine geheimnisvolle Reise zu einigen der größten Abenteuer der Geschichte: An den Wänden hängen Bilder von Robert Falcon Scotts tragischem Wettlauf zum Südpol, Ernest Shackletons heroischer Rückkehr nach der gescheiterten Antarktis-Durchquerung und Edmund Hillarys und Tenzing Norgays Everest-Erstbesteigung. 

Sie alle waren professionelle Abenteurer, die ihr Leben den Expeditionen zu den abgelegensten Orten der Welt widmeten. Und dann ist da Newall Hunter. Schotte, 53 Jahre alt, leise Stimme, leichte Fleecejacke, Wanderhosen, feste Stiefel. Die Art von Kerl, dem du während eines Wanderausflugs in einer Berghütte begegnest und keine große Beachtung schenkst. 

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Dabei ist Newall Hunters Geschichte ebenso bemerkenswert wie die der überlebensgroßen Helden an den Wänden der Royal Geographical Society. Obwohl er den größten Teil seiner Zeit als IT-Techniker verbringt, komplettierte er vergangenes Jahr als erst 15. Mensch den Grand Slam der Abenteurer: Er bestieg die Seven Summits, die jeweils höchsten Berge der sieben Kontinente, und erreichte Nord- und Südpol. 

„Ich bin aber nicht mit diesem Ziel aufgebrochen“, sagt Hunter lächelnd. „Schließlich bin ich kein professioneller Entdecker. Ich wollte keine Sponsoren. Ich verkaufte meine Geschichte auch nicht an TV-Stationen, die mir dann auf Schritt und Tritt folgen. Niemand zahlt mir etwas dafür, dass ich das tue, was ich tue. Ich mache das einfach so. Als ganz normaler Kerl.“

Newall Hunter conquers Everest

Hunter wurde letztes Jahr zum 15. Menschen der den Grand Slam der Abenteuer bezwang.

© newall hunter

Hunters Weg begann in seiner Heimat Schottland. Geboren in Leadhills, Schottlands zweithöchstem Dorf, verbrachte er seine Jugend damit, die Hügel der Region raufzusteigen. Als Teenager hatte er die sogenannten „Munros“ abgehakt, alle Berge Schottlands über 3000 Fuß (rund 914 Meter; Anm.). 

 „Ich bekam richtig Lust auf einen der Großen. Aber ich dachte mir, bevor ich mich am Himalaya versuche, übe ich zuerst an etwas kleineren Bergen.“

In den folgenden zwei Jahrzehnten nahm er sich die Alpen vor – Mont Blanc, Monte Rosa, Matterhorn –, doch irgendwann drängte sich das wahre Leben in sein Dasein als Abenteurer. „Mit achtzehn begann ich eine Ausbildung in Luftfahrtkommunikation“, erzählt er. „Und dann arbeitete ich als Flugsicherungsingenieur, fast zwanzig Jahre lang.“

Im Jahr 2003, Hunter war da vierzig, begann es wieder zu kribbeln. „Ich bekam richtig Lust auf einen der Großen“, sagt er. „Aber ich dachte mir, bevor ich mich am Himalaya versuche, übe ich zuerst an etwas kleineren Bergen. Einfach um zu schauen, wie ich da oben zurechtkomme.“

© youtube // Newall Hunter

Der höchste Berg außerhalb des Himalaya ist der 6961 Meter hohe Aconcagua im Westen Argentiniens. „Den nahm ich mit vier anderen und einem Bergführer in Angriff. Doch sie alle bekamen Probleme mit der Höhenkrankheit und mussten umkehren. Mir ging es gut, also ging ich allein weiter. Am Gipfel machte ich ein Foto, saß ein wenig rum, aß eine Kleinigkeit und joggte wieder zurück zum Lager. Das war cool. Und das Beste an der Sache war die Erkenntnis, dass ich zu solchen Leistungen imstande bin. Der Aconcagua war ein Sprungbrett für mich. Es gab mir das Selbstvertrauen für Größeres.“ 

So begann Hunters dreizehnjähriges Abenteuer, das er damals gar nicht als dreizehnjähriges Abenteuer plante. „Ich hatte zu Beginn ja kein wirkliches Ziel“, sagt er. „Ich wollte bloß herausfinden, ob ich einen großen Berg besteigen und mir dann vielleicht sogar den Himalaya vornehmen kann. Die Aconcagua-Expedition kostete mich um die 7000 Euro, also nicht übertrieben viel, und ich brauchte einen Monat Urlaub dafür. Mehr war nicht nötig. Am Aconcagua wartet ein Guide auf dich, sogar für dein Essen ist gesorgt. Also wirklich keine Hexerei, da raufzukommen.“

„das Beste an der Sache war die Erkenntnis, dass ich zu solchen Leistungen imstande bin. Es gab mir das Selbstvertrauen für Größeres.“

Das passiert auf über 8.000 Meter Höhe mit deinem Körper

Bei Hypoxie rast der Puls in die Höhe, das Blut verdickt und gerinnt und das Schlaganfallrisiko steigt. Verschlechtern sich die Bedingungen, können Höhenlungenödeme (abgekürzt HAPE, vom Englischen „High Altitude Pulmonary Edema") eintreten. Dabei sammelt sich Flüssigkeit in den Lungen und man kann schnell ersticken. Symptome sind u.a.

Ein Jahr später erreichte Hunter einen weiteren Gipfel der Seven Summits: den Kilimandscharo, Afrikas höchsten Berg. Ein Erfolg, den er aber kaum genießen konnte. 

„Das Problem am Kilimandscharo ist, dass du ihn nicht ohne Führer besteigen darfst“, sagt er. „Du musst einen lokalen Guide anheuern, das ist alles ein Business dort, und es geht alles viel zu schnell. Nach sechs Tagen bist du den Berg rauf- und wieder runtergestiegen. Das überlastet die Leute. Sie kriegen Kopfschmerzen, die Höhenkrankheit und den ganzen Rest und leiden ernsthaft. Es ist schrecklich. Diesen Berg mag ich am wenigsten von allen.“

Kilimajaro

Kilimandscharo, Tansania (2004)

© newall hunter

Nach dem Kilimandscharo legte Hunter sechs Jahre Abenteuerpause ein. Nicht, weil er die Nase voll gehabt hätte, sondern weil ihm wieder einmal das Leben in die Quere kam, diesmal in Form eines 9-to-5-Jobs. „Aber dann, nach ein paar Jahren, hatte ich genug davon. Ich kündigte und machte mich selbständig. Ich wollte einfach wieder mehr Zeit für meine Reisen haben.“ 

„Ich kündigte und machte mich selbständig. Ich wollte einfach wieder mehr Zeit für meine Reisen haben.“ 

2010 versuchte es Hunter auf Alaskas 6194 Meter großem Denali (früher: Mount McKinley; Anm.) – es wurde eine Expedition, die sehr leicht seine letzte hätte sein können. Er stieg im April auf, wenn der Berg noch die meiste Zeit im Dunklen liegt und die Bedingungen unberechenbar sind. 

„Es ist wahnsinnig kalt, und du bist unendlich weit weg von allem“, sagt Hunter. „Ehrlich: So etwas möchte man kein zweites Mal erleben. Zu dieser Zeit des Jahres gibt es praktisch keine Chance auf Rettung am Denali. Du kannst nur hoffen, dass nichts passiert. Denn da kommt keiner, um dich zu holen.“

Alltäglich ist weder die Leidenschaft von Newall Hunter, noch diese durch ihn inspirierte Playlist.

„Ich habe gelernt aufzugeben, wenn es die Situation erfordert. Wenn es sich nicht richtig anfühlt, musst du umkehren. Du kannst es ja später wieder versuchen.“ - Was Newall bei der Besteigung des Denalis gelernt hat

Der Aufstieg zum Lager auf 5180 Meter begann damit, dass Hunters Kufenflugzeug in rund 3350 Meter Höhe beinahe auf einen Gletscher gestürzt wäre. Die folgenden zehn Tage kämpften sich Hunter und seine Kollegen Zentimeter für Zentimeter nach oben. Vor dem Gipfelsturm waren sie so geschwächt, dass sie sich einen Tag Pause gönnten. 

„Aber dann zog ein Sturm auf – so massiv, dass er das Zelt plättete. Es hatte unter der Plane minus 47 Grad Celsius. Sechs Tage und sechs Nächte waren wir gefangen.“ Als der Sturm endlich nachließ, versuchten sie es tatsächlich noch mit dem Gipfel, aber es war aussichtslos – sie alle waren viel zu erschöpft.

„Ich habe damals viel gelernt“, sagt Hunter. „Ich habe gelernt aufzugeben, wenn es die Situation erfordert. Wenn es sich nicht richtig anfühlt, musst du umkehren. Du kannst es ja später wieder versuchen. Alles besser, als du gehst da oben drauf.“

„Aber dann zog ein Sturm auf. Es hatte unter der Plane minus 47 Grad Celsius. Sechs Tage und sechs Nächte waren wir gefangen.“
Hunter Newall

Als der Sturm endlich nachließ, waren alle viel zu erschöpft.

© Henry Hunt / Newall Hunter

Erst sechs Jahre später sollte Hunter zum Denali zurückkehren, um seinen Grand Slam abzuschließen. Diesmal aber im Sommer, „es war der leichteste Aufstieg von allen“, sagt er. Trotzdem erinnert er sich an den Denali als die härteste der neun Grand-Slam-Herausforderungen.

Der Fehlversuch in Alaska stoppte Hunter nicht, ganz im Gegenteil. „Als ich vom Denali runterkam, war mein erster Gedanke: ‚Puh, gerade noch mal davongekommen.‘ Aber nach ein paar Wochen spürte ich: Mir fehlt etwas. Ich muss wieder raus. Ich brauche etwas Neues.“ Also kratzte Hunter seine Ersparnisse zusammen und investierte knapp 70.000 Euro in die Expedition auf den Mount Everest

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Danach wanderte er 450 Kilometer über die kanadische Arktis zum Nordpol, es folgte ein 911 Kilometer langer Solomarsch vom Filchner-Ronne-Schelfeis am Rande der Antarktis zum Südpol – wo er nur haarscharf einer Tragödie entging.

Arctic, North Pole

Arktis, Der Nordpol (2013)

© Scott Gilmour

 „Das war richtig knapp. Auf Skiern stieg ich Meter um Meter vorwärts – und plötzlich blickte ich auf ein gähnendes schwarzes Loch unter mir. Meine Skispitzen waren auf der einen Seite der Spalte, die Skienden auf der anderen Seite, unter mir war nichts.

„Was für ein Glück ich da hatte … wäre ich nicht im exakt rechten Winkel über die Spalte gefahren, ich wäre reingefallen und nie wieder rausgekommen.“

Was für ein Glück ich da hatte … wäre ich nicht im exakt rechten Winkel über die Spalte gefahren, ich wäre reingefallen und nie wieder rausgekommen.“

Hunters Reaktion war denkbar simpel: Er rammte seine Skistöcke in den Schnee vor ihm und hievte sich in Sicherheit – ein Beispiel für die Gelassenheit, mit der er alle Schwierigkeiten seiner dreizehnjährigen Abenteuerzeit bewältigte, zum Beispiel auch den dreizehnstündigen Aufstieg auf die 4884 Meter hohe Carstensz-Pyramide im indonesischen Teil Neuguineas mit nur einem Liter Wasser und einer Tüte Chili-Erdnüsse als Proviant. 

Oceania Indonesia Carstensz Pyramid Newall

Carstensz-Pyramide, Indonesien (2015)

Hunter ist davon überzeugt, dass im Prinzip jeder den Grand Slam der Abenteurer schaffen kann. „Viele Leute sagen: ‚Der Everest ist einfach zu gewaltig, wie zur Hölle soll ich da raufkommen?‘ Aber sobald du das eine große Ziel in viele kleine Aufgaben zerteilst – etwa ‚Was werde ich essen?‘, ‚Wie werde ich schlafen?‘ –, dann wird es machbar. Die 40 Tage, die du rauf auf den Everest brauchst, musst du genauso behandeln. Denk nur über heute, morgen und übermorgen nach, nicht weiter. Bergsteigen ist für mich eine Sache der kleinen Schritte, nicht der großen Ziele.“

„Meine Freundin sagt, ich habe keine Angst, weil mir die Fantasie dazu fehlt. Das ist nicht wahr. Vor einer Expedition gehe ich alles im Kopf durch. Du überlegst, was schieflaufen könnte und wie du in Notsituationen handeln würdest. Und Dinge, die du nicht beeinflussen kannst, akzeptierst du einfach – oder du gehst erst gar nicht los.“

conquering Everest in 40 days

„Denk nur über heute, morgen und übermorgen nach, nicht weiter. Bergsteigen ist für mich eine Sache der kleinen Schritte, nicht der großen Ziele.“ - Newall über seine Erfahrungen bei der Besteigung des Mount Everest, Nepal (2011)

Hunter erledigte den Südpol und den Mount Vinson in der Antarktis in einem gewaltigen 52-Tage-Trip, bevor er innerhalb von gerade mal neun Monaten die Carstensz-Pyramide, den Elbrus im Kaukasus und den Denali bestieg. Der immer schnellere Rhythmus der Expeditionen gab Hunters Leben eine Art Rückgrat, er liebte es, jedes Detail sorgfältig zu planen – und wenn dann alles klappte, machte ihn das glücklich. Was ihm ebenfalls viel bedeutete: Seine Erfolge beweisen, dass auch scheinbare Durchschnittskerle Außergewöhnliches schaffen können.

„Vor meiner Reise zum Südpol riefen Leute an, die mich sponsern wollten, aber ich lehnte ab. Ich wollte das allein machen.“

„Ich mache das als gewöhnlicher Typ“, sagt er. „Nicht als Held oder irgendwas. Ich entschied mich bewusst gegen Sponsoren oder andere ‚Förderer‘, die sich einmischen. Vor meiner Reise zum Südpol riefen Leute an, die mich sponsern wollten, aber ich lehnte ab. Ich wollte das allein machen. Am Ende dieser Zeit kann ich jetzt sagen: ‚Ich habe das allein geschafft, ganz ohne Unterstützung.‘ Und ich allein kann jetzt den Erfolg auskosten.“

Antarctica’s Mount Vinson

Mount Vinson, Antarktis (2015)

Im Juni 2016 war der Erfolg perfekt. Hunter stand auf dem Gipfel des Denali und hatte etwas vollbracht, was nur vierzehn anderen Männern und Frauen zuvor gelungen war. Dreizehn Jahre voller Mühe, Einsatz, Leidenschaft und Opfer waren vorbei. Es gab nur noch den Weg nach unten – buchstäblich und sinnbildlich. „Ich treibe seither ein wenig vor mich hin“, sagt er.

„Alle Gewinner von Goldmedaillen sagen das Gleiche: ‚Es geht um Hingabe, um Opfer und harte Arbeit.‘ Es gibt keinen Trick und keinen Zauberstab.“

„Nichts funktioniert momentan richtig. Ich sollte Arbeit finden, um Geld zu verdienen, aber ich kann mich nicht aufraffen.“ 

War es das wert, Karriere, Familie und materiellen Wohlstand für dieses Abenteuer zu opfern? Hat diese Mission von Hunters Leben längst Besitz ergriffen?

„Die Leute in meinem Umfeld würden das bejahen, aber es ist mein Leben, nicht ihres“, sagt er. „Ohne Opfer geht es nicht. Nimm die Olympischen Spiele. Alle Gewinner von Goldmedaillen sagen das Gleiche: ‚Es geht um Hingabe, um Opfer und harte Arbeit.‘ Nichts anderes. Es gibt keinen Trick und keinen Zauberstab, wenn du etwas Großes erreichen möchtest.“

Newall Hunter - So its done, I have completed the... | Facebook

So its done, I have completed the Adventurers Grand Slam - climbing the Seven Summits and Skiing to the North and South Poles. I summited Denali the last...

Hunter arbeitet jetzt auf sein nächstes großes Ziel hin. Wenn man ihn danach fragt, strahlt er. „Wenn ich bei den Bergen bleibe, dann wäre wohl der K2 dran, dieser heimtückische Riese. Aber ich bin mir nicht sicher. Ich könnte Lust bekommen, etwas völlig anderes zu tun. Vielleicht versuche ich, die Wüste Gobi im Winter zu durchqueren. Ein längerer Marsch als durch die Antarktis und etwa genauso kalt. Es sind 2400 Kilometer in 55 Tagen oder so – bei minus 45 Grad Celsius. Niemand hat das je zuvor gemacht.“

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03 2017 The Red Bulletin

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