Phaedo³: Der Rallye-Rennwagen unter den Segelbooten

Phaedo³ - der Rallye-Rennwagen unter den Segelbooten

Text: Justin Hynes  
Fotos: Kelvin Trautman

Absoluter Speed unter härtesten Bedingungen: Mehrrumpf-Yachten wie die Phaedo³ eröffnen bei Offshore-Rennen neue Dimensionen. Besitzer Lloyd Thornburg und Skipper Brian Thompson nehmen uns mit auf die Überholspur der Ozeane.

Brian Thompson schwärmt durch die krachende, rauschende Telefonleitung vom anderen Ende der Welt. „Viele Leute vergleichen ­unsere Boote mit Supercars“, sagt er, „aber sie sind viel mehr als das. Für mich sind sie wie Dakar-Autos. Oder vergleichen wir es so: 

Die Boote des America’s Cup sind ­Formel-1-Autos, extrem schnell, jedoch nur in flachen Gewässern, quasi auf einer Rennstrecke. Unser Boot ist aber ein Geländerennwagen, ein Rallye-Rennwagen. Gebaut für höchsten Speed unter rauesten Bedingungen.“

Das Boot, das Thompson meint, heißt Phaedo³, ein 21 Meter langer Trimaran der MOD70-Klasse. Das Mehrrumpf-Rennboot aus Carbon kann mit gut 40 Knoten (zirka 74 km/h) über die Wellen rasen.

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Mit dem britischen Co-Skipper Thompson ist auch der Besitzer der Phaedo³, der US-Amerikaner Lloyd Thornburg, am Telefon. Die beiden ankern im Hafen Falmouth der Insel Antigua. Hier starten sie in Kürze ihre Kampagne 2017 beim RORC Caribbean 600, dem Hauptevent der regionalen Renn­saison. Zählt man allein die Inseln auf, die auf der 600 Meilen (rund 966 Kilometer) langen Fahrt angesteuert werden – Antigua, Anguilla, Montserrat, Guadeloupe, St. Kitts & Nevis –, fällt es schwer, das Event als etwas anderes als ein Rennen reicher Adrenalinjunkies zu betrachten, die einen Haufen Geld zu verbrennen haben.

Zumal Thornburg perfekt alle Klischees eines schwerreichen Speed-Freaks mit viel Freizeit erfüllt. Der 36-jährige Sohn eines Investors, der einen Fonds mit einem Volumen von 55 Milliarden Dollar verwaltet, fliegt mit eigenem Privatjet durch die Welt, verbringt die Freizeit beim Skydiving und mit schnellen Autos. Verglichen damit wirkt ein Hochleistungs-Yachtrennen fast schon fantasielos. Was Thornburg aber egal ist – seine Leidenschaft für den Sport und für sein Rennboot sind echt.

„Als ich begann, wollte ich um die Welt segeln“, erzählt er, „also baute ich ein geeignetes Boot – einen Katamaran – und ­segelte über den Südatlantik in die Karibik. Ich beschloss, damit Rennen zu fahren, und wir hatten auch ein wenig Erfolg. Aber dann begannen wir, die Sache richtig anzugehen, und nahmen vor drei, vier Jahren am Transpac (Regatta von L. A. nach Honolulu; Anm.) teil.“ Bei diesem Rennen begegnete Thornburg Thompson. „Die Rückfahrt war lang und langweilig. Genug Zeit, um über Zukunftspläne zu sprechen“, sagt Thornburg.

„Unser Boot ist wie ein Rallye-Auto. Es fährt sauschnell – und das auch ­unter rauen ­Bedingungen.“

Thompsons Lebenslauf liest sich wie ein Katalog der To-dos im Leben eines Extremseglers. Der 55-Jährige gewann das Volvo Ocean Race, holte die Jules Verne Trophy für die schnellste Umrundung der Welt in einem Segelboot und brach als erster Brite zweimal den Rekord der schnellsten Weltumsegelung. 2009 wurde er Fünfter bei der Vendée Globe, der Solo-Regatta um die Welt. Der impulsive Thornburg und der stoische Thompson scheinen auf den ersten Blick nicht allzu gut zueinanderzupassen, in Wahr­heit ergänzen sie einander perfekt. Und in den wichtigsten Dingen sind sie sich ohnehin einig. Zum Beispiel entschieden sie auf der Rückreise von Transpac, auf MOD70-Trimarane umzusteigen.

„Ich war bei einer Testfahrt dabei und hatte die Gelegenheit, zehn Minuten mit einem Trimaran zu segeln“, sagt Thornburg. „Es war überwältigend.“ Er versuchte sofort, einen MOD70 zu chartern – zunächst vergeblich. Der Traum vom Rennen mit dem hochmodernen Trimaran schien sich schon zerschlagen zu haben, als Ende 2014 Thompson anrief: Eines dieser Boote wurde in Frankreich zum Kauf angeboten. Thornburg zögerte nicht: „Wir schnappten es uns, ohne zu zögern. So hat alles begonnen.“

Eine Legende: Brian Thompsons Lebenslauf liest sich wie die To-do-Liste für rennfiebrige Offshore-Enthusiasten.

Seitdem machen Thornburg und Thompson die Phaedo³ zur weltweit wohl erfolgreichsten Yacht ihrer Art. Und unter­boten en passant eine Reihe von Segel-Rekorden: etwa jenen über den Atlantik von Bermuda bis Plymouth um mehr als eine ­Woche. Oder jenen der America’s-Cup-Ikone Sir Ben Ainslie beim Rennen um die Insel Wight um fast eine halbe Stunde. Und zuletzt jenen von Monaco nach Porto Cervo in Sardinien um mehr als zwei Stunden.

„Der Wechsel vom Katamaran zum Trimaran war ein Riesenschritt. Das Segeln bekam dadurch etwas Motorsportartiges“, sagt Thornburg. „Auch was die Herausforderungen an Bord betrifft. Nachts, allein vor der Küste, Wind mit 50 Knoten im Gesicht, es ist eisig kalt, du wirst im Boot rumgeschleudert. Bei keinem ­anderen Sport ist es schwerer zu beweisen, wie hart er wirklich ist, weil an den Start- und Zielpunkten eigentlich immer gute ­Bedingungen herrschen. Aber ich kenne nichts Aufregenderes.“

Kurs hart am Wind. Das Segeltuch ist maximal gespannt.

„Die Kräfte sind unglaublich“, sagt Thornburg. „Es ist ein wahnsinniger Nervenkitzel, wenn du an die Grenzen dessen gehst, was noch zu kontrollieren ist – und dabei die schiere Power des Bootes erlebst.“ 

Thompson ergänzt, dass das Boot so viel Power hat, dass der Schlüssel zum Erfolg nicht mal darin liegt, immer mehr Gas zu geben. „Die meiste Zeit musst du eher darauf achten, dass du diese Power halbwegs unter Kontrolle behältst. Oder kleinere Segel nimmst. Die Segel kannst du dir vorstellen wie bei einem Auto den Motor, nur dass du hier die Zylinder wechseln kannst. Das bedeutet in Summe eine Riesenzahl an Entscheidungen; welche Segel du setzt, welcher Kurs der schnellste und sicherste ist. Jeder kann schnell sein. Aber die wahre Herausforderung liegt darin, durchgehend schnell und sicher zu segeln.“

Für Thornburg machen diese Extreme den größten Reiz aus. „Du bist immer höchstens eine falsche Entscheidung davon entfernt, die Karre an die Wand zu fahren. Wirklich extrem wird es nachts bei Regen. Während du durch die Dunkelheit rast, kannst du nur auf die Bordinstrumente achten und nach Bauchgefühl entscheiden.“ 

Eine weitere Herausforderung steckt in den natürlichen Grenzen des Menschen – allen voran die Müdigkeit, die irgendwann unweigerlich zum Hauptthema wird. „Aber egal wie müde du bist: Du kannst nur dann wirklich schlafen, wenn du keine großen Entscheidungen treffen musst und das Boot sicher segelt“, sagt Thompson. „Du musst dir also den Himmel ansehen und den Wetterbericht prüfen, damit du sagen kannst: ‚Okay, für die nächsten Stunden sind die Be­dingungen stabil. Ich kann mich ohne Bedenken ausruhen.‘ Und du brauchst Schlaf, sonst triffst du falsche Entscheidungen.“

„Nachts, allein vor der Küste, Wind mit 50 Knoten im Gesicht, es ist eisig kalt, du wirst im Boot rumgeschleudert. Bei keinem ­anderen Sport ist es schwerer zu beweisen, wie hart er wirklich ist.“
Lloyd Thornburg

Schwerarbeit: Das Team an den Trommeln, über die die Leinen zum Segeltrimm geführt werden.

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Thornburg formuliert es ein wenig unverblümter: „Es ist so, als würdest du versuchen, auf dem Rücksitz eines Pick-ups zu schlafen, der mit mehr als 100 km/h über Schotter fährt.“

Schlaf ist nur eine der Sachen, die an Bord der rasenden Phaedo³  zur Herausforderung werden. „Es gibt keine Kleinigkeiten mehr“, sagt Thornburg. „Es fällt einem schwer, die Regenjacke anzu­ziehen. Und du bist wegen des ewigen Schwankens schon erschöpft, bevor du überhaupt an Deck angekommen bist. Oben ist es so, als würde dich ein Feuerwehrschlauch empfangen. Und probier mal, bei hoher Geschwindigkeit Tee oder Essen zuzubereiten!“

Bugmann und Trimmer Pete Cumming wechselt Segel im vorderen Teil des Bootes. Schwerer Wellengang macht das zu einem kniffligen Job.

Fehler passieren aber nicht nur in der Hitze des Gefechts. Das musste die Crew der Phaedo³ vergangenes Jahr schmerzvoll beim „Rolex Middle Sea Race“ erfahren. Sie hatte einen soliden Vorsprung auf ihre Rivalen von Maserati herausgeholt, ehe ihr ein gravierender Navigationsfehler unterlief. Von Siziliens Südwestspitze sollte es Richtung Lampedusa gehen. Doch die Phaedo³ bog falsch ab. Der Fehler kostete 100 Kilometer, das Rennen war verloren. „Auf See bist du vielen Kräften ausgesetzt, die dich zu Fehlern zwingen. Aber das ist drei Tage vor dem Rennen in einem Hotelzimmer passiert. Und wir haben ja eine Insel ­umrundet. Nur eben nicht die richtige!“

Die Crew machte den groben ­Lapsus auf umso spektakulärere Weise wieder gut, beim RORC Transatlantic Race vergangenen Dezember. „Wir steuerten auf die Nordspitze Teneriffas zu. Maserati lag nur sieben, acht Kilometer hinter uns“, erzählt Thompson. „Wir mussten uns entscheiden, auf welcher Seite von Las Palmas wir segeln sollen. Wir wählten die Strecke zwischen der Insel und Teneriffa – und nahmen damit das Risiko von schwachem Wind in Kauf. Maserati nahm die sicherere Nordroute. Unser Risiko zahlte sich massiv aus. Im Ziel hatten wir einen Vorsprung von fast 500 Kilometern.“

Besatzungsmitglied Sam Goodchild steuert die Phaedo³ beim „Rolex Middle Sea Race“ in Richtung Sizilien.

Motiviert werden die Segler nicht nur durch die enthusiastischen Empfänge in den Zielhäfen, durch all die Rekorde und Auszeichnungen. Thornburg ist etwas anderes noch viel wichtiger: „All die moderne Technik heutzutage lenkt uns vom Wesentlichen ab, lässt uns den Fokus verlieren. Das Meer ist der perfekte Kontrast dazu. Allein schon diese Offenheit, dieser endlose Horizont, das erweitert dein Denken.“

Es ist gerade diese Klarheit des Lebens, die Thornburg fasziniert. Darin, sagt er, liegt der wirkliche Nervenkitzel, mit einem Boot wie der Phaedo³ zu segeln. „Wenn du da draußen bist, bist du absolut klar, du bist so fokussiert, wie du es an Land niemals sein könntest. Da draußen denkst du nicht mehr an Sachen wie deine Stromrechnung. Die Menschen würden das wahrscheinlich Flow nennen. Aber so viele Tage im Flow zu sein … das ­erlebst du nur an Bord. Ein unglaubliches Erlebnis. Einfach unglaublich.“

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05 2017 The Red Bulletin

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