Interview mit RB-Leipzig-Trainer Ralph Hasenhüttl

Ralph Hasenhüttl:
Die Liebe zum Fehler

Text: Stefan Wagner
Fotos: Oliver Jiszda

Ralph Hasenhüttl, Trainer von RB Leipzig, hat mit einem radikalen Spielsystem den jüngsten Kader der Liga zum besten Aufsteiger der über 50-jährigen Bundesliga-Geschichte gemacht. Ein Gespräch über Ersatzspieler, Arschlöcher, den frühen Sonntagmorgen im Büro und andere Aspekte des Erfolgs.

Ralph Hasenhüttl betritt den Raum, groß, mächtiger Korpus, ein wenig gebückt, den Kopf leicht vorgeschoben, setzt sich, lächelt. Schrickt auf, sieht sich verstört um, tastet ein paar Schritte durch den Raum, dann zu einem Kühlschrank in der Ecke. Zieht den Stecker, geht zurück zum Stuhl, setzt sich. „Haben Sie dieses Surren gehört?“ Lächelt jetzt wieder. „Sie müssen wissen, ich bin ein wenig geräuschempfindlich. Aber jetzt geht’s.“


THE RED BULLETIN: Herr Hasenhüttl, rund um den RB-Leipzig-Trainingsplatz hängen Zitate großer Sport-Ikonen verschiedener Disziplinen. Welches davon bedeutet Ihnen am meisten? 

RALPH HASENHÜTTL: Das von Michael Schumacher. „Die Blumen der Sieger gehören in viele Vasen.“ Weil es die Grundhaltung formuliert, dass du nur als Team erfolgreich sein kannst – eben sogar als Einzelsportler wie Schumacher. Dass es dir gelingen muss, dein Team in den Vordergrund zu stellen, auch gedanklich, dich als Person nicht so wichtig zu nehmen.

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Sie sind als Fußballtrainer erfolgreich, weil Sie sich nicht wichtig nehmen?

Ich lebe davon. Wenn alle funktionieren, Verein, Betreuerteam, Mannschaft, Geschäftsstelle, Manager, Pressesprecher, alle, dann werden wir gemeinsam erfolgreich sein, und dieser gemeinsame Erfolg wird dann auch meiner sein. Es geht darum, das übliche Denken umzudrehen: Nicht ich bin wichtig, und wegen mir funktioniert’s, sondern alle, die da sind, sind wichtig, und wegen all jener funktioniert’s auch. Nach meinen Erfahrungen geht Erfolg genau so. 

Hängt ein Spruch am Trainingsplatz, dem Sie widersprechen würden?

Am ehesten der von Tiger Woods: „Selbst wenn du glaubst, du bist schon richtig gut – es geht immer noch besser.“ Auf Golf bezogen, hat Woods ja recht: Sogar ein Annäherungsschlag aus hundert Metern, der zwei Zentimeter neben dem Loch liegt, ginge theoretisch noch besser. Aber im Fußball gibt es kein perfektes Spiel, kann es nie geben, und wenn man zu sehr danach strebt, kann das deine Erwartungshaltungen überfrachten. Man wird dann unzufrieden.

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Schlecht? Gerade Unzufriedenheit gilt im Spitzensport als wichtige Motivationsquelle.

Ich halte nicht viel davon. Nie zufrieden sein heißt, dir jede Befriedigung zu verbieten. Wenn ich nach zehn Minuten schon wieder ans nächste Spiel denke … nein. Genießen, feiern, sich freuen ist wichtig. Am Tag nach einem Spiel darf man sich ruhig noch freuen, am freien Montag auch, und Dienstag früh geht der Fokus wieder los, dann ist das letzte Spiel abgehakt und vergessen, nächste Aufgabe.

Ralph Hasenhüttl

Geboren in Graz, Österreich, am 9. August 1967.

Fußballprofi ab 1985, zuerst in Österreich (GAK, Austria Wien, Austria Salzburg), dann in Belgien (KV Mechelen, Lierse SK) und Deutschland (1. FC Köln, SpVgg Greuther Fürth, FC Bayern München Amateure).

Ab 2004 Trainer, bei SpVgg Unterhaching (Junioren-, Co- und ab 2007 Cheftrainer), VfR Aalen (ab 2011, 2012 Aufstieg in 2. Bundesliga), FC Ingolstadt 04 (ab 2013, 2015 Aufstieg in 1. Bundesliga) sowie RB Leipzig (ab Sommer 2016).

Hasenhüttls Familie lebt nach wie vor in München, Sohn Patrick (19) spielt beim FC Ingolstadt 04.

Ich habe ein kleines Spiel vorbereitet, ein paar Sprüche, vielleicht als Ergänzung des Angebots rund um den Trainingsplatz. Die Zitate stammen von Pep Guardiola, Jürgen Klopp, Ralf Rangnick und Ihnen selbst. Mich interessiert, ob Sie sie zuordnen können und was Sie davon halten. Der erste Spruch lautet: „Erfolg ist viel mehr das Ergebnis von Zweifeln als das Ergebnis von Gewissheiten.“

Klingt nach Ralf Rangnick.

Ist Guardiola. Hat er recht?

Im Wort Zweifel steckt Ratlosigkeit, das ist mir zu negativ. Lassen Sie uns Zweifel durch Hinterfragen ersetzen, dann kann ich gut damit leben. Hinterfragen ist besser als zweifeln.

Spruch zwei: „Was meinen Erfolg ausmacht? Man darf nicht akzeptieren, wenn etwas nicht funktioniert.“

Der ist von mir. 

Eigentlich dem Woods-Spruch ähnlich, nicht?

Nein. Nicht zu akzeptieren, dass etwas nicht funktioniert, heißt vor allem, dass man sich von Rückschlägen nicht unterkriegen lässt. Dass man im Gegenteil noch besser, noch schärfer zurückkommt. Der Spruch beinhaltet und akzeptiert ein Scheitern, aber was eben zählt, ist die Reaktion darauf, dieser konstruktive Trotz. 

„Was meinen Erfolg ausmacht? Man darf nicht akzeptieren, wenn etwas nicht funktioniert.“
Ralph Hasenhüttl
Interview mit RB Leipzig Trainer Ralph Hasenhüttl

„Ein Ersatzspieler trägt oft sogar noch mehr zum Erfolg einer Mannschaft bei als einer, der drinsteht.“

„Motivation ist im Kern Inspiration, das gemeinsame Ziel zum persönlichen Ziel jedes Einzelnen zu machen.“

Klingt nach Kloppo …

… ist Rangnick. Was es Ihnen natürlich jetzt schwermacht, zu widersprechen.

Unmöglich, unmöglich! (Lacht.) Aber er hat wirklich recht. Das individuelle Ziel hinter das gemeinsame Ziel zu stellen ist ja ein Grundsatz unseres Handelns hier. So selbstverständlich das klingt, so schwierig ist es: Jeder Einzelne im Verein muss diesen Prozess gedanklich durchmachen. Nur wenn jeder das eigene Ego immer hinter das Gemeinsame stellen kann, haben wir Erfolg. Stellt nur einer sein Ego über das Gesamte, kann das die Balance empfindlich stören. 

„Fußball ist ein Fehlerspiel.“ 

Das ist von mir.

„Nur wenn jeder das eigene Ego immer hinter das Gemeinsame stellen kann, haben wir Erfolg.“

Sie meinen damit die Spielweise Ihrer Mannschaften, dieses extrem aggressive Attackieren bei Ballbesitz des Gegners, das ja im Kern der Versuch ist, beim Gegner Fehler zu provozieren. Richtig?

Das greift zu kurz. Es geht auch um den Umgang mit Fehlern. Ich möchte ja, dass meiner Mannschaft, wenn sie dann den Ball erobert hat, Fehler passieren. Ich mag das, wenn ein Spieler dreimal ins Eins-gegen-eins geht und den Ball verliert, aber beim vierten Mal durchkommt. Denn nur wenn der Spieler weiß, dass er Fehler machen darf, wird jenes Risiko möglich, das uns erfolgreich macht. Da können auch mal zehn Aktionen misslingen, aber die eine, die dann funktioniert, adelt die zehn misslungenen davor. 

„Wie gut du bist, zeigt sich an schlechten Tagen.“ 

Kloppo, das weiß ich. Und unterschreib ich uneingeschränkt. Wenn ich den FC Bayern sehe, was die an ihren schlechten Tagen alles gewinnen …

Quiz: Kennst du diese Bayern-Spieler noch?

23 Fußballer des FC Bayern, die du vielleicht schon vergessen hast. Beweise in unserem Quiz das Gegenteil. The Red Bulletin, das Active-Lifestyle-Männermagazin.

Manche sagen: Bayern-Dusel.

Und haben unrecht. Wenn deine Grundqualität so hoch ist, dass andere sie nur an ihren besten Tagen erreichen, dann ist die Wahrscheinlichkeit, dass du verlierst, schon einmal sehr gering. Und wenn die Bayern an einem Tag Topqualität erreichen, wie gegen uns, dann sieht das noch einmal ganz, ganz anders aus.

„Ich würde niemals ein Arschloch, das überragend kicken kann, verpflichten.“

Wieder Kloppo, aber er hat’s ein wenig anders gesagt, nämlich: „Ich weiß nicht, wie gut ein Spieler sein muss, dass ich akzeptieren kann, dass er ein Arschloch ist.“ Ich weiß das, weil ich den Spruch selbst schon ausgeliehen habe. 

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Was tun Sie aber, wenn ausgerechnet jener Spieler Ihres Teams in der 90. Minute das Siegestor schießt, der davor nicht wie ein Irrer gerannt ist, nicht den ballführenden Gegner dauernd attackiert hat?

Das schießt er bei mir nicht. Weil er nicht mehr auf dem Platz steht.

„Als Führungspersönlichkeit bist du Vorbild. Ob du willst oder nicht. Pünktlich sein, sich vernünftig ernähren, Disziplin vorleben, das alles ist eine Frage der Glaubwürdigkeit. Wasser predigen und Wein trinken wird langfristig nicht funktionieren.“

Ralf Rangnick, ganz klar. Er verlangt viel von seinen Mitarbeitern, aber er lebt es eben auch vor. Dann kannst und darfst du als Mitarbeiter kein Problem mit hohen Erwartungen haben. Es hat mich schon früher als Spieler gestört, wenn mir jemand was angeordnet und selbst nicht danach gehandelt hat. Wer professionelles Verhalten von anderen verlangt, muss selbst professionell sein.

Ralf Rangnick über Motivation und Führung

RALF RANGNICK: Führung muss grundsätzlich, egal ob im Sport oder in der Wirtschaft, zwar gewissen Prinzipien und Regeln folgen, die jeder kennt und jeder akzeptiert. Aber Führung muss immer auch situativ sein. Das heißt, ein guter Trainer bzw. Chef hat die Fähigkeit, auf die jeweilige Situation spontan richtig zu reagieren.

„Als Trainer hätte ich den Spieler Hasenhüttl nicht verpflichtet.“ 

Das kann allein deswegen schon nur von mir sein, weil der Spieler Hasenhüttl auf dem Radar von Guardiola, Klopp oder Rangnick sicher nie aufgetaucht ist.

So schlecht waren Sie ja gar nicht: achtfacher Teamspieler und vierfacher Meister in Österreich, mit dem FC Köln in die erste Bundesliga aufgestiegen.

Ich hätte ihn nicht verpflichtet, weil er zu behäbig war, weil er nicht in mein System gepasst hätte, rein körperlich, nicht laufstark genug.

„Ersatzspieler zu sein ist ein Charaktertest: Du musst mehr investieren, noch härter trainieren, obwohl du vielleicht dabei gar nicht so wahrgenommen wirst.“

Aber den Typ Hasenhüttl hätte ich sofort geholt. Ich war schon als Spieler einer, der sein Ego hinter die Mannschaft stellen konnte. Ich war mit meinen Mannschaften viel erfolgreicher als individuell, weil ich mich auch für die Mannschaft opfern konnte.

Sie waren ein klassischer bulliger Mittelstürmer. Ihre Aufgabe war: Tore schießen. Wie opfert man sich da für eine Mannschaft?

Indem man Räume anläuft, von denen man weiß, dass der Ball sicher nicht hinkommen wird. Und so für einen Mitspieler Platz schafft, der dadurch eben die Chance bekommt, ein Tor zu machen. Oder indem man, wenn man auf der Bank sitzt, seinen Beitrag leistet, dass die Mannschaft Erfolg hat.

Was trägt man auf der Bank zum Erfolg einer Mannschaft bei?

Oft sogar noch mehr als einer, der drinsteht. Du bist verantwortlich für das Gesamtniveau im Kader, du bist extrem wichtig für die Stimmung. Ersatzspieler zu sein ist ein Charaktertest: Du musst mehr investieren, noch härter trainieren, obwohl du vielleicht dabei gar nicht so wahrgenommen wirst. Das ist alles andere als leicht, aber extrem wichtig für jede Mannschaft.

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#RBL-Cheftrainer Ralph #Hasenhüttl: "Unsere Fans machen mich immer wieder stolz! Deswegen macht es ja auch so viel Spaß, sich für diese Menschen aufzureiben und ihnen schöne Wochenenden zu bereiten!" Stark, Trainer! Lasst uns am Samstag wieder gemeinsam Vollgas geben und die Red Bull Arena zum kochen bringen!

Hätten Sie mit einem Trainer Hasenhüttl als Spieler mehr erreicht?

Ich hätte viel mehr erreichen können, wäre ich früher in ein professionelles Umfeld gekommen. In Österreich hatte das Dasein als Profi in den 1980ern und 1990ern ja relativ wenig mit dem zu tun, was man heute unter Professionalität versteht. Da war nichts mit Vor- oder Nachbereitung vom Training, da bist du vielleicht sogar angemacht worden von älteren Spielern, wenn du als Junger beim Konditionstraining vorneweg laufen wolltest, „mach mal langsam hier“. Da wurdest du gebremst statt angespornt. Wenn so eine Einstellung einem jungen Spieler vorgelebt wird, übernimmt er die, weil er sie für normal hält. Erst als ich nach Belgien und später Deutschland ging, war das dann anders, professioneller, fokussierter. Um die fußballerischen Defizite aufzuarbeiten, war es zu spät, aber ich habe noch als Spieler gelernt, was es heißt, Fußball zu arbeiten.

„Ich hätte viel mehr erreichen können, wäre ich früher in ein professionelles Umfeld gekommen, aber ich habe noch als Spieler gelernt, was es heißt, Fußball zu arbeiten.“

Sie haben sich mit Mitte 30 bei den Bayern Amateuren Tricks von Spielern erklären lassen, die 15 Jahre jünger waren. War das nicht demütigend?

An Eitelkeiten, die das verhindert hätten, hat es mir zum Glück schon immer gemangelt. Das wäre ja das Schlimmste, Eitelkeiten, dass man sich zu schade ist, etwas von jemandem anzunehmen. Wenn mir heute mein 19-jähriger Sohn eine Lebensweisheit mitgeben möchte, höre ich sie mir zuerst an und denk drüber nach, und dann sage ich vielleicht nein.

Wann ist es Ihnen zuletzt passiert, dass Sie eine Mannschaft mit einem falschen Rezept rausgeschickt haben?

Hier in Leipzig? Möglicherweise bei jeder Niederlage. Man weiß es letztlich nicht. Aber die Frage stellt man sich auf jeden Fall.

Und wann haben Sie zuletzt wirklich danebengegriffen, ganz zweifelsfrei?

Das war noch in Ingolstadt, als wir gegen Hannover nach 30 Minuten 3:0 hinten lagen. Das war eher eine Aufstellungs- als eine Taktik-Problematik. Aber da habe ich auch zu spät reagiert.

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Was sehen Sie als Trainer eigentlich wirklich von einem Spiel? Wir als Zuseher haben ja durch die Kameraperspektive oder vom Stadionrang aus immer den Überblick über das Spielgeschehen. Sie stehen am Spielfeldrand, Sie können taktische Dinge ja gar nicht wirklich erkennen?

Schwerer als aus Ihrer Perspektive, ja. Aber man lernt als Trainer, ein Spiel anders zu gucken als ein Fan. Man muss schon sehr, sehr konzentriert sein, nicht nur auf das ballorientierte, sondern auch auf das ballentfernte Geschehen. Das heißt, während der Ball irgendwo ist, betrachtet man auch den Rest des Spielfeldes: Wie schieben wir nach, wie organisieren wir die Restverteidigung, wie sichern wir durch?

Stimmt es, dass Spieler von RB Leipzig in der Halbzeitpause schon fertig geschnittene Video-Analysen aus der ersten Halbzeit sehen?

Wenn es nötig ist, ja. Aber das machen mittlerweile viele Mannschaften.

Wer dreht, wer sucht aus, wer schneidet das? Wie geht sich das aus, rein zeitlich?

Das macht der Video-Analyst, der auf der Tribüne sitzt. Der kennt unseren Matchplan, der kennt den Gegner, der ist gut genug gebrieft, um zu erkennen, warum etwas nicht funktioniert. Was er vorbereitet hat, muss ja auch ganz genau passen, weil in der Pause alles sehr, sehr schnell gehen muss. Du hast maximal zwei, drei Minuten Besprechung in der Trainerkabine, dann geht’s sofort zur Mannschaft, fünf Minuten Facts, fünf Minuten Inputs, dann holt man sich individuell den einen oder anderen Spieler, dann macht man sie noch mal scharf, dann geht man raus.

interview mit RB Leipzig Trainer Ralph Hasenhüttl

„Bis zum gesetzlichen Pensionsantrittsalter, glaub ich, hält man als Trainer auf diesem Niveau nicht durch.“

Sind Sie als Trainer nach einem Spiel müder, als Sie es als Spieler waren?

Mental auf jeden Fall.

Wie schläft man nach einem Spiel?

Abschalten und Einschlafen ist kein Problem. Unangenehm ist, dass man nach einem Spiel nicht lange schlafen kann. Und dass der Kopf sofort zu arbeiten anfängt, wenn man mal aufgewacht ist. Spätestens um vier, fünf ist an Schlaf meist nicht mehr zu denken. Da ist es am besten, du gehst laufen oder gleich in die Arbeit. Früher war ich sonntagmorgens dann schon mal um sechs, halb sieben im Büro.

„ich habe das Gefühl, dass ich Spielern leichter helfen kann, vielleicht auch mehr Verständnis und mehr Geduld habe als andere. Für den Trainer Hasenhüttl ist es ein Glück, dass der Spieler Hasenhüttl nicht mit übermäßigem Talent gesegnet war.“

Wie lang kann man auf diesem Niveau Trainer sein?

Also bis zum gesetzlichen Pensionsantrittsalter, glaub ich, hält man so was kaum durch. Dazu ist der Job zu intensiv, zu fordernd, zu viel Druck. Wenn du Erfolg hast, geht es natürlich leichter, obwohl du auch da merkst, dass du dich verbrauchst. Aber machen Sie sich keine Sorgen um mich. Bis auf meine schwere Krankheit mit dem Hantavirus habe ich in acht Jahren genau eine einzige Einheit versäumt, sonst war ich nie krank. Man fährt Vollgas und Bremse gleichzeitig, das hält alles in Balance. Die erste Urlaubswoche bin ich dann garantiert krank, jedes Mal.

Es gibt in Deutschland 56 Profivereine und 890 ausgebildete Trainer, macht eine Arbeitslosenrate von 94 Prozent. Sie waren 37, als Sie Ihre Fußballerkarriere beendeten. Wieso wollten Sie in einen Job mit solchen Karrierechancen?

Weil ich genau ein Kapital hatte: das Wissen, das ich mir 17 Profijahre lang über Fußball angeeignet hatte. In jedem anderen Bereich war mir ja jeder andere 37-Jährige überlegen, Ausbildung, berufliche Erfahrung. Mir war schnell klar: Eine Zukunft, in der du wirklich auf Fachkompetenz aufbauen kannst, kannst du nur in diesem Bereich haben. Ebenso klar war mir: Du wirst nicht viele Chancen als Trainer bekommen. Du musst die erste nützen. Und du musst dich schneller entwickeln, als du das als Spieler getan hast.

Kein Plan B im Hinterkopf?

Die Idee gab’s nie. Es ist ein großer Vorteil, dass mir als Spieler nicht alles in die Wiege gelegt wurde. Ich weiß, wie es sich anfühlt, etwas lernen zu müssen, etwas nicht zu können, mir etwas abschauen zu müssen. Daher habe ich das Gefühl, dass ich Spielern leichter helfen kann, vielleicht auch mehr Verständnis und mehr Geduld habe als andere. Für den Trainer Hasenhüttl ist es ein Glück, dass der Spieler Hasenhüttl nicht mit übermäßigem Talent gesegnet war.

VIDEO: Die besten Sprüche und Interviews von Jürgen Klopp

Motivator, Taktikfuchs, Erfolgscoach. Jürgen Klopps Qualitäten im Kerngebiet Fußball sind unbestritten. Aber der 48-Jährige hat auch abseits davon ein besonderes Talent und darf getrost als Entert(r)ainer bezeichnet werden. Beispiele gefällig? Bitteschön. Wir haben die besten Zusammenschnitte des Ex-Dortmund- und aktuellen Liverpool-Trainers:

Wer hat Ihnen eigentlich beigebracht, Fehler als etwas Positives zu sehen?

Am meisten gelernt habe ich aus Versuch und Irrtum, immer wieder versuchen, immer wieder scheitern, immer wieder probieren. Ich konnte nie sagen: „Okay, das klappt nicht, Pech gehabt.“ Das konnte ich nie. Wenn ein anderer besser am Ball war als ich, habe ich mich gefragt: Warum soll ich das nicht auch lernen können? So habe ich immer funktioniert, und so funktioniere ich bis heute. Ich setz mich heute noch ans Klavier und probiere Stücke, bei denen ich mir denke, eigentlich kann das nicht gehen, warum soll ich mir das antun? Aber ich muss es versuchen. Ich möchte mir selbst beweisen, wie weit ich wirklich kommen kann. Wie weit geht es, wenn ich es so gut versuche, wie ich nur irgendwie kann? 

Im Job kann ich das noch nachvollziehen, aber beim Klavierspielen?

So bin ich, so funktionier ich. Überall. Ich erzähl Ihnen noch was. Als ich in Unterhaching gekündigt wurde, das bisher einzige Mal als Trainer, hatte ich acht Monate keinen Job. Ich nützte die Zeit zum Hospitieren bei vielen verschiedenen Vereinen, aber daneben habe ich in dieser Zeit wie ein Besessener Tennis gespielt. Einfach weil ich wissen wollte: Wenn ich mal konstant Tennis trainiere, was schaffe ich dann? Was ist möglich? Ich habe Turniere gespielt und überlegt, welche Gegner kann ich schlagen. Wie schnell lerne ich? Bis zu welchem Niveau? Eigentlich verrückt, aber mich hat das fasziniert, als Aufgabe.

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Das war 2010. Sie waren 42 Jahre alt, Fußballtrainer ohne besondere Reputation. Vielleicht hätte man da auf andere Ideen kommen können, als halbprofessionelle Tennisturniere zu spielen? 

Ich hatte zum ersten Mal in meinem Leben Zeit. Das war meine Chance, Dinge zu tun, die ich immer hatte machen wollen, wie eben zum Beispiel: Tennisturniere spielen. Und das eben ausreizen. Wie schon in der Jugend, als ich mit einem Freund in Graz lauter verrückte Sportarten ausprobiert habe. Wir waren die Ersten auf dem Snowboard, dem Mountainbike oder dem Surfbrett. Neue Bewegungen lernen, das war immer schon faszinierend.

Sie verzeihen einen kurzen Einschub: Bei der sogenannten Hasi-Rolle, mit der Sie als Stürmer Ihre Tore bejubelten, spielten besondere motorische Fähigkeiten keine tragende Rolle.

Hahaha, im Bodenturnen bin ich tatsächlich schnell an meine Grenzen gestoßen.

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Josef Hickersberger, damals Trainer bei der Wiener Austria und später auch von Österreichs Nationalteam, hat Ihnen Gerüchten zufolge die Hasi-Rolle verboten, angeblich wegen Verletzungsgefahr? Stimmt das? Das wäre ja eine fürchterliche Demütigung vor der Mannschaft.

Wer diesen Handstand-vorwärts-Überschlag-seitlich sieht, versteht die Sorgen jedes Trainers. Aber es war anders! (Lacht.) Hickersberger wollte mir mal zeigen, wie die Rolle richtig geht, und hat sich selbst dabei verletzt. Das war so schön für die Mannschaft, dass er es mir dann verboten hat. 

„Wie ich auf die Menschen zugehe, wie ich sie mitnehme, das ist wichtig. Nicht nur auf dem Spielfeld, sondern auch abseits davon.“ 

Lassen Sie uns zu Ihrer Trainer-Karriere zurückkehren. Hat man als Trainer eine gesellschaftspolitische Verantwortung?

Die hat jeder, sobald er in der Öffentlichkeit gehört wird.

Aber in Leipzig vielleicht etwas mehr als anderswo? Timo Meynhardt, Wirtschaftspsychologe in Leipzig, sagt: „RB stiftet Identität, RB gibt Regionalstolz, RB wertet die ganze Stadt auf.“

Das ist uns auch bewusst, und entsprechend haben wir uns zu verhalten, wir alle. Nicht nur auf dem Spielfeld, sondern auch abseits davon. Wie ich auf die Menschen zugehe, wie ich sie mitnehme, das ist wichtig. Wenn sich die Leute fragen, wie das möglich ist, dass man 90 Minuten so marschiert, so viel läuft, dann haben wir das erreicht, was wir wollten: Begeisterung.

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Ihre Mannschaft läuft pro Spiel 110 bis 120 Kilometer, davon ziehe ich mal den Tormann ab …

… der läuft aber auch fünf.

Pro Feldspieler bleiben mehr als zehn gelaufene Kilometer in 90 Minuten, ein Großteil davon als Sprints, als Zweikämpfe, Sprünge, Grätschen. Wie geht das? Wohin entwickelt sich das? Wann stößt der Fußball an die physiologischen Grenzen der Spieler?

Die entscheidende Komponente ist nicht der Mensch, die ist der Ball. Wie viel oder wie schnell du rennst, das ist nur Mittel zum Zweck. Entscheidend ist, wie schnell der Ball zirkulieren kann, wie schnell du ihn spielen kannst, wie wenig Zeit und wie wenig Raum du brauchst, um einen Gegner auszuspielen, wie eng ein Raum sein kann und du trotzdem noch Lösungen findest. Und da gibt es fast kein Limit, jedenfalls ist noch keines in Sicht.

„Wenn du fünf Spiele in Folge verlierst, glauben dir deine Spieler nicht mehr, was du ihnen sagst.“

Ich habe zum Schluss noch ein Zitat da. Es lautet: „Wenn du fünf Spiele in Folge verlierst, glauben dir deine Spieler nicht mehr, was du ihnen sagst.“ Haben Sie das wirklich gesagt?

Ja. Und solche Situationen möchte ich möglichst nicht erleben. Ich kann mir kaum vorstellen, wie das ist. Dass ich den Spielern fünf Wochen lang erzähle, dass alles super ist, was sie machen. Und wir müssen nur so weitermachen, dann gewinnen wir auch wieder – aber dann verlieren wir weiter. Puh, das stell ich mir richtig schwierig vor.

Was war Ihre bisher längste Niederlagenserie als Trainer?

Drei Spiele am Stück. In Ingolstadt. Nach der Entscheidung, dass ich den Verein verlasse. 

Ihre Entscheidung, den Club zu verlassen, war ausschlaggebend für drei Niederlagen in Serie?

Rückblickend glaube ich: ja. Vielleicht war ich nicht mehr ganz so scharf, nicht mehr so total fokussiert, vielleicht nur ein paar Prozent, aber dann reicht’s in der Bundesliga einfach nicht mehr.

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04 2017 The Red Bulletin

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