Eva-Maria Brem

Eva-Maria Brem:
„Zieh um die Häuser, mach Urlaub!“

Foto: Mirja Geh
Text: Andreas Rottenschlager

Eva-Maria Brem gewann nach Beinbrüchen und dreijähriger Formkrise den Riesenslalom-Weltcup. Österreichs Sportlerin des Jahres weiß, wie man Rückschläge meistert.

THE RED BULLETIN: Frau Brem, laut ­Ihrer Homepage leben Sie nach dem Motto: „Nur wer helle Dinge denkt, zieht helle Sachen an sich heran.“ An welches „helle Ding“ ­haben Sie zuletzt gedacht?

EVA-MARIA BREM: An dieses Interview (lacht). Ich glaube daran, dass es gut wird.

Ihr Leitspruch gilt also für verschiedene Lebensbereiche?

Genau. Er bedeutet, dass ich ein positiver Mensch sein will. Und das geht nicht, wenn ich mich wegen jeder Kleinigkeit sorge. Wer mit einer gesunden Portion Lebensfreude durch den Tag geht, dem passieren auch mehr gute Dinge. 

Eine beneidenswerte Haltung.

Die ich mir hart erarbeiten musste.

Sieh dir die Highlights von Eva-Maria Brems Riesenslalom-Saison 2016 an. 

© youtube // Ski Stars

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Sie starteten 2005 als 17-jähriges Talent in den Ski-Weltcup. 2010 wurden Sie bei Ihren ersten Olympischen Spielen Siebte im Riesentorlauf. Ihre Konkurrenz war alarmiert. Zwei Monate danach brachen Sie sich das Schien- und Wadenbein …

… beim freien Skifahren mit meinen Eltern! Ich hatte mich die ganze Saison auf diesen Tag gefreut. Der Unfall selbst war unspektakulär: Ich rutschte am Innenski aus und knickte im Zeitlupentempo um. Trotzdem brachen Schien- und Wadenbein wie zwei Soletti. 

Ahh …

… die Ärzte mussten einen 28 Zentimeter langen Marknagel in mein linkes Bein schrauben. Danach war vier Monate Schluss mit Skifahren.

Can you feel it?? The moment before getting out of the start gate is so special, I LOVE IT!!!

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Nach den vier Monaten ging es mit Ihrer Karriere bergab. 2013 verpassten Sie die Heim-Weltmeisterschaft in Schladming, 2014 die Olympischen Spiele in Sotschi. Was war passiert?

Das Problem war, dass ich noch kein Rennen gewonnen hatte, als die Verletzung passierte. Ich war ein Nobody auf einem guten Weg. Nach einer Reha fährst du nicht sofort wieder auf Top-Niveau. Für andere war es daher leicht, zu sagen: „Die kann es nicht besser.“ 

„Um aus einem Negativstrudel auszubrechen, muss man den Reset-Knopf drücken und den Tunnelblick ablegen.“
Eva-Maria Brem, 28, Comeback-Spezia­listin

Schlechte Phasen im Beruf kennt jeder. Wie gingen Sie mit Ihrer um?

Skifahren hieß für mich auf einmal, grantig zu sein. Nach schlechten Ergebnissen war ich völlig fertig. 2013 dachte ich daran, meine Karriere zu beenden. Mit Freundinnen zog ich damals nächtelang durch die Bars in Innsbruck. 

Wie bricht man aus so einem Negativstrudel aus?

Indem man den Reset-Knopf drückt. Als im Februar 2014 sämtliche Trainer und Sportler bei Olympia waren, habe ich alles umgeworfen, neue Skier getestet, noch härter trainiert. Die Formkurve zeigte wieder nach oben. 

Dieser Reset-Knopf interessiert uns. Angenommen, ich habe einen Bürojob und schaffe es jahrelang nicht, befördert zu werden. Ich bin schlecht drauf, die Arbeit nervt. Was mache ich? 

Am wichtigsten ist, dass Sie Ihren Tunnelblick ablegen.

Couldn't resist ⛷ #feelinggood #stillgotit 😂🙈#alpbach #alpbachtal

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Indem ich mit meinen Freunden nächtelang durch Bars ziehe?

Ziehen Sie um die Häuser, ­machen Sie eine Woche Urlaub. Das ist ein guter erster Schritt. Aber erst der leichtere Teil des Prozesses.

Wie geht der schwierigere?

Sie müssen die Perspektive wechseln. 2014 war für mich klar, dass es eine bodenlose Frechheit ist, nicht bei Olympia zu sein. Irgendwann habe ich mich aus der Sicht der Trainer gefragt: Warum nehmen die mich nicht mit? 

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„Sie müssen schmerzbefreit sein, denn Selbstanalyse tut weh. Aber nur so erkennen Sie Ihre Fehler.“

Ich muss mich also fragen, warum mich mein Boss nicht befördert?

Ja. Und Sie müssen schmerzbefreit sein. Selbstanalyse tut weh. Aber nur so erkennen Sie Fehler. Ich habe mich früher etwa viel zu sehr von meinen Kritikern runterziehen lassen.

Nachdem Sie den Reset-Knopf gedrückt hatten, gewannen Sie Ihr erstes Weltcup-Rennen und 2016 den Riesenslalom-Weltcup. Welche positiven Erfahrungen nehmen Sie aus Ihren Rückschlägen mit?

Demut. Man merkt, dass man nicht Erfolg hat, weil man super ist. Sondern weil man Glück hat, fit ist und das Team gut arbeitet. Ich kann positive Tage heute besser einordnen. Weil ich sie nicht als selbstverständlich betrachte.

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12 2016 The Red Bulletin

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