Aksel Lund Svindal im Interview

Aksel Lund Svindal - Der Ski-Superstar im exklusiven Interview

Text: Stefan Wagner
Fotos: Rainer Hosch

Herr Svindal, wie schafft man es, supernett und supererfolgreich zugleich zu sein? (Und kann man über einen Kreuzbandriss wirklich lachen?)

Die Liste der Erfolge des mittlerweile 34-jährigen ­norwegischen Skirennläufers Aksel Lund Svindal ist am übersicht­lichsten durch ihre einzige Lücke dar­gestellt: Er ­gewann in seiner Karriere alles, ausgenommen die Abfahrt auf der Streif. Vor einem Jahr stürzte er ausgerechnet hier so schwer, dass seine Karriere beendet schien. Nun kehrt er zurück.

Ein Gespräch über die Kraft des Verstandes. Und über den korrekten Umgang mit Erfolgen, Konflikten, Problemen, Rückschlägen und Idioten.

Hannes Reichelt: "Kitzbühel ist wie Fallschirmspringen"

Hannes Reichelt: Komplett gestörte Typen. Wie bitte? Das denkst du dir, wenn du am Start stehst und auf die Mausefalle schaust: Wie können Leute da frei­willig runterfahren? Was sieht man vom Starthaus aus? Wie extrem steil es dort ist. Und dass weiter unten gleich die grauslichste Passage der ganzen Strecke kommt.

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THE RED BULLETIN: Herr Svindal, wann waren Sie das letzte Mal verärgert?

AKSEL LUND SVINDAL: Sie starten ja mit einer ziemlich schwierigen Frage … ­Verärgert? (Pause.) Hm, sorry, ich kann mich nicht erinnern. Ehrlich.

Was müsste ich tun, um Sie zu ärgern?

Tun Sie etwas Unfaires, etwas Irrationales, und argumentieren Sie es mit dem Satz „Es ist so, weil ich es eben sage“. Dann ­haben Sie eine ziemlich gute Chance, mich verärgert zu erleben. Ich kann Willkür nicht ausstehen. Einer der Gründe, warum ich Skifahren so mag, ist das ­Fehlen von Willkür. Kein Schiedsrichter, der einen Elfmeter gibt, weil sich jemand im Strafraum fallen lässt. Keine Wertungs­richter, die Noten vergeben. Wir haben die Uhr, sonst nichts. Zwei plus zwei ist vier. Purer Sport.

Wenn ich es geschafft habe, Sie zu verärgern, was tun Sie dann? Gras drüber wachsen lassen? 

Nein. Ich halte nichts von Warten. Ich halte viel davon, Sie zu fragen, warum Sie tun, was Sie tun. Problem sehen – Problem ansprechen – Problem lösen. Und wenn man keine Lösung findet, einigt man sich eben, dass man sich nicht einigt.

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Sie sprechen jedes Problem offen an? Wie klappt das im Alltag?

Wenn wir zwei eine Meinungsverschieden­heit haben, versuche ich, Sie von meinem Standpunkt zu überzeugen. Und Sie versuchen dasselbe. Das ist doch das Normalste von der Welt! Warten, hintenrum tuscheln, das ist falsch. Wenn ich etwas sehe, das wir im norwegischen Team ­besser machen könnten, stehe ich beim Meeting auf und sage: „Leute, wenn wir Rennen gewinnen wollen, ist das oder das nicht gut genug. Das müssen wir ändern.“

Ich hätte permanent Konflikte, würde ich so mit meinen Kollegen umgehen.

Ein Konflikt ist ja per se nichts Schlechtes. Wenn man ihn lösen kann, ist man weiter, als man davor war. Und lösen kannst du ihn nur, wenn du ihn wahrnimmst und akzeptierst. Konfliktbereitschaft ist eine gute Eigenschaft.

Aber Leute wollen doch nicht hören, dass sie nicht gut sind!

Dann arbeiten Sie mit den falschen ­Leuten zusammen. Leute, die wirklich ­erfolgreich sein wollen, hören am liebsten, worin sie sich verbessern können. Die ­bedanken sich dafür, dass Sie ihre ­Schwächen ansprechen. Natürlich, Sie müssen den Leuten auch Anerkennung geben, wenn es am Ende geklappt hat. Dazu müssen Sie zu sich selbst ehrlich sein. Niemand hat allein Erfolg. Wenn ich ein Rennen gewinne, dann als Vertreter derjenigen, die dafür geschuftet haben, dass das möglich wurde – Skifirma, ­Trainer, Serviceleute, Teamkollegen. Das heißt: Sie dürfen sich im Erfolg nicht allein feiern lassen. Sie müssen aber auch, wenn es nicht gut läuft, das gesamte Team in die Verantwortung nehmen und sagen: „Was tut jeder von uns, damit es besser läuft?“ Ein wenig komplizierter ist es, wenn Sie gewonnen haben, aber trotzdem manches nicht perfekt war. Denn das müssen Sie dann auch ansprechen.
 

 

Arbeiten Leute gerne mit Ihnen?

Die, mit denen ich gerne arbeite, die ­arbeiten gerne mit mir. Weil ich ehrlich bin. Leute, die nicht ehrgeizig sind, halten es für schwierig, mit mir zu arbeiten. Aber es ist ja auch meine Verantwortung, mir die richtigen Leute auszusuchen, mit denen ich zusammenarbeite.

Fordern Sie manchmal zu viel von den Leuten rund um Sie?

Fordern ist nicht das richtige Wort. Ich fordere nichts, ich erwarte Dinge. Etwas zu fordern heißt ja im Kern, jemandem etwas nicht zuzutrauen. Aber wenn ich etwas von Ihnen erwarte, habe ich das Vertrauen, dass Sie das können.

Secret weapon @head_ski factory. This is how you win races!

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Das klingt alles sehr schlüssig, aber schon auch sehr, sehr rational.

Ich sehe mich als analytischen Menschen. Analytisch zu sein ist wahrscheinlich meine stärkste Eigenschaft. Deswegen bin ich auch so selten ärgerlich. Weil ich damit beschäftigt bin, nach dem Grund des Problems zu suchen und nach dem besten Weg, es zu lösen. Dann sieht man automatisch etwas Positives. Glauben Sie mir, das funktioniert. Wer rational an eine Situation rangeht, ist nicht so leicht in ihr gefangen.

Wie lerne ich, auch so analytisch an Dinge ranzugehen?

Konzentrieren Sie sich darauf, was am wichtigsten für Sie ist. Angenommen, Ihr Boss ist fürchterlich, er trifft eine falsche Entscheidung nach der anderen. Aber Sie mögen Ihren Job, kündigen kommt also nicht in Frage. Was ist der erste Schritt?

Ihn damit konfrontieren, dass ich ihn für einen Idioten halte, meinen Sie? Der wird es nicht sehr toll finden, wenn ich zu ihm gehe und sage: „Hey, Boss, Sie machen einen beschissenen Job.“

Sie könnten an Ihrem Ton arbeiten. Aber wäre er ein guter Boss, würde er Ihnen zuhören. Es würde ihn ja interessieren, wieso Sie ihn für einen Idioten halten.

Okay, angenommen, der Boss ist ­uneinsichtig. Was würde Aksel Lund Svindal dann tun?

Das Ziel ist, dass dieser Typ dem Unternehmen nicht weiter schadet. Das müssen Sie im Auge behalten. Sie müssen erreichen, dass er nicht mehr in einer Position ist, in der er falsche Entscheidungen treffen kann. Ihr Boss hat sicher auch einen Boss, oder es gibt ein Board of Directors.

Sie wollen darauf hinaus, dass ich ­meinen Boss bei seinem Vorgesetzten verpetze? Damit mache ich mir aber gar keine Freunde.

Es geht um die Sache. Wenn Sie ein Pro­blem nicht selbst lösen können, müssen Sie zu jemandem gehen, der es lösen kann.

„Ich fordere nicht. Denn etwas zu fordern heisst, jemandem etwas nicht zuzutrauen.“
Aksel Lund Svindal, 34

Aksel Lund Svindal, geboren am 26. Dezember 1982, 98 Kilo bei 1 Meter 89: „Ich habe die Verpflichtung, jeder Situation eine Chance aufs Gelingen zu geben.“  

© Getty Images

Okay, dann gehe ich zum Vorgesetzten meines Chefs …

Unbedingt konkrete Beispiele für objektiv falsche Entscheidungen mitnehmen! Es darf nicht emotional sein. Es geht nicht um Ihren Boss als Person, es geht um seine Handlungen. Es geht nicht um Emotion, es geht um Fakten. Das ist wichtig. 

Und was tu ich, wenn der Vorgesetzte meines Bosses dann sagt: „Alles, was Sie sagen, ist richtig. Endlich hat’s ­jemand erkannt. Ab jetzt sind Sie der Boss.“ Vielleicht will ich das gar nicht?

Sie bekommen den Posten angeboten, weil Sie jemand sind, der falsche Entscheidungen erkennen kann. Und der versucht, etwas dagegen zu tun. Das sind zwei wichtige Eigenschaften eines guten Chefs. Also haben Sie vielleicht das Talent dafür, selbst ein guter Boss zu sein? ­Haben die Skills, ohne es zu wissen? Aber wenn Sie es nicht tun wollen, dann sagen Sie einfach: „Nettes Angebot, aber ich bleibe lieber in meiner Position.“ Wenn er ein guter Boss ist, akzeptiert er das.

Sie sind einer der umgänglichsten und beliebtesten Kerle im Skizirkus, nehmen sich enorm viel Zeit für andere, für Serviceleute, Fans, Medien. Sind zu allen höflich, freundlich, haben ­unendlich viel Geduld. Könnten Sie als Skifahrer nicht noch erfolgreicher sein, wären Sie manchmal weniger nett?

Vielleicht, manchmal … hm … nein. Wenn ich darüber nachdenke: eigentlich nicht. Natürlich, man hat nur eine gewisse Menge an Energie für jeden Tag zur Ver­fügung. Und natürlich, je öfter ich ja sage, wenn mich jemand um etwas bittet, desto weniger Energie bleibt am Ende für mich selbst übrig. Aber so sehe ich das gar nicht. Ich sehe es anders: Ich habe die Verpflichtung, jeder Situation eine Chance aufs Gelingen zu geben. Das funktioniert nur, indem ich mich bemühe – zum Beispiel, dass dieses Interview ein gutes ­Interview wird.

Another fun day in the sunshine :)

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Das ist nett. Aber wer sagt denn, dass Sie diese Verpflichtung haben?

Wir leben in einem System, das nur als Symbiose funktioniert. Skifirmen erzeugen das Material, sie bezahlen die Athleten, sie bezahlen die Servicemänner. Ohne diese Companys gäbe es keinen Rennlauf, zumindest nicht so, wie wir ihn jetzt betreiben. Was, wenn sich eines Tages alle Skifirmen zusammensetzen und sagen: „Das ganze Renn-Zeugs, das ergibt keinen Sinn für uns“ – was dann? Dann würden wir als Amateure herumgurken. Wir alle hängen voneinander ab. Wenn ich also Energie investiere, um Ihnen ein gutes ­Interview zu geben, dann kommt das dem ganzen Skisport zugute. Und damit nützt es am Ende wieder mir.

Das Prinzip einer Kuh: Wenn alle sie ­füttern, gibt’s für alle ein Glas Milch.

So könnte man es sagen.

Wenn Sie einen Rennläufer sehen, dem es egal ist, ob er ein guter Botschafter für seinen Sport ist oder nicht, den nur seine eigene Leistung interessiert … 

Ich glaube nicht, dass es möglich ist, immer nur zu nehmen, ohne etwas zu geben. Wer nur nimmt und nicht gibt, der schadet sich langfristig selbst.

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In Kitzbühel rissen Sie sich Anfang 2016 im rechten Knie ein Kreuzband und einen Meniskus, Ihr Knorpel wurde schwer beschädigt. Zum Zeitpunkt ­unseres Gesprächs (Ende November; Anm.) wissen Sie nicht, ob Sie je wieder rennfahren können. Wie gehen Sie denn diese Sache analytisch an?

Die Situation ist ja nicht neu für mich … 

… 2014 riss Ihre linke Achillessehne.

Das war nicht so schlimm, die verletzte Stelle lag im Skischuh, und der ist extrem steif, der stützt gut. Die aktuelle Situation ist eher wie 2007. Nach dem Sturz in ­Beaver Creek lag ich zwei Wochen im Krankenhaus, konnte nicht mal selbst aufs Klo gehen, verlor 17 oder 18 Kilogramm Muskelmasse. Ich kenne also die Situation, nicht zu wissen, ob ich je wieder rennfahren kann. Ich habe sie schon einmal bewältigt. Ich weiß, ich habe das mentale Rüstzeug, so etwas zu schaffen.

Ich würde gerne Ihren Mentaltrainer kennenlernen. Der Typ muss gut sein.

Ich bin kein Fan von Sportpsychologie. Wenn jemand zu mir kommt und sagt: „Du bist gut! Du bist toll! Du schaffst das!“, das ist nichts für mich. Ich sage dann: „Hey, das ist sehr nett von dir. Aber ich kenne mich in dem, was ich mache, viel besser aus als du. Daher glaube ich mir selbst mehr als dir.“ Wenn aber mein Coach sagt: „Du schaffst das“, dann glaube ich ihm, klar, er ist Experte. Mentale ­Stärke ist eine Frage der Fakten, nicht der Einbildung. Nehmen Sie den Unfall in ­Beaver Creek. Ich konnte danach ein Jahr lang nicht fahren. Nach Beaver Creek ­zurückzukommen, das war schwer. Wirklich, wirklich schwer. Ich schlief die ganze Woche schlecht, war unruhig. Ich fuhr die Strecke jeden Tag im Kopf sicher hundert Mal ab, und jedes Mal hatte ich sogar bei der Visualisierung Probleme beim Golden-­Eagle-Sprung, der Stelle, an der ich gestürzt war. Im Training fuhr ich dann schon im oberen Teil der Strecke total ­unkonzentriert, weil ich im Hinterkopf an diese eine Stelle dachte.


Aber dann ging ich es mathematisch an. Zwei plus zwei ist vier, das gilt ja auch, wenn man Angst hat. Ich dachte: Golden Eagle ist ein Abschnitt von vielleicht zehn Sekunden. Der ganze Kurs sind rund hundert Sekunden. Ich sagte zu mir: Du hast so viel Angst vor zehn Prozent des Kurses, dass du die ­anderen neunzig Prozent nicht gut fahren kannst? Ist das dein Ernst? Dann war die Lösung klar: Voller Fokus auf die neunzig Prozent, und in den zehn Prozent fuhr ich ohne Risiko. Das war der Trick, der funktionierte. 

… und zwar so gut, dass Sie das Rennen gewannen, bei dem Sie ein Jahr zuvor fast gestorben wären, und am folgenden Tag auch den Super-G. Was ist Ihr Trick gegen Nervosität am Start?

Das Wichtigste: Du musst sie dir ein­gestehen. Viele Leute versuchen, ihre Nervosität zu überspielen. So überdecken sie das Problem nur, sie lösen es nicht. Kitzbühel ist da ein gutes Beispiel. Die Kerle, auf die du achtgeben musst, sind die, die am Start nervös sind. Denn die wissen, was auf sie zukommt, dass es ungemütlich wird, dass es gefährlich wird. Sie sind bereit, das ­Risiko einzugehen, das für ein gutes Rennen nötig ist. Didier Cuche war in Kitzbühel immer ­extrem nervös. Vor denen, die am Start rumscherzen, brauchst du keine Angst zu ­haben. Die sind damit beschäftigt, ihre Nervosität zu überspielen, statt sich mit ihr auseinanderzusetzen.

Sölden was a tough race. Looking forward to getting the downhill season started in America. P by Gepa

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Coach Ihres Teams ist Christian Mitter, ein Österreicher. Er wurde gefragt, wieso ein kleines Team mit wenig Budget den Österreichern und Schweizern um die Ohren fährt. Er meinte, in Norwegen haben junge Läufer weniger Druck. Kommt Erfolg von geringerem Druck?

Druck ist gut auf der Rennstrecke. Aber nicht gut beim Abendessen. Im norwegischen Team haben wir die Nummern eins, zwei und drei in der Super-G-Weltrang­liste, Kjetil Jansrud, Aleksander Aamodt Kilde, ich. Aber Gegner sind wir für zwei Minuten am Tag. In den übrigen 23 Stunden und 58 Minuten sind wir richtig gute Freunde. Ich hatte mal ­einen Trainer, der etwas sehr Cleveres sagte: „Skirennlauf ist Teamsport, aus­genommen die zwei Minuten auf der Strecke.“ Wenn du Konkurrent auf der Rennstrecke bist, heißt das noch lange nicht, dass du nicht Teamplayer und Freund sein kannst. 

Stimmt es, dass im norwegischen Team die Routiniers jedem jungen Läufer alle Tricks verraten? Wirklich alle?

Wenn du es verdienst, dann ja. Mitglied unseres Teams zu sein bedeutet Geben und Nehmen. Wenn ein Junger kommt und glaubt, er muss nur nehmen, dann bekommt er gar nichts. Wenn er sich aber eingliedert, sich nützlich macht, wenn er ein guter Kumpel beim Abendessen ist, dann kriegt er alles. Das war schon so, als ich ins Team von Aamodt und Kjus kam.

Ist das norwegische Team das beste der Welt, obwohl es eines der kleinsten ist? 

Wie das in anderen Teams gemacht wird, ist mir nicht wichtig. Ich weiß nur, dass das Gefühl in einem Team wichtiger ist als das Budget. Die wichtigsten Dinge in einem Team kannst du nicht auf ein Blatt Papier schreiben. Die sind Kultur. Die sind einfach da. Oder eben nicht.

Also die Kuh, die jeder füttert …

Das reicht nicht. Es geht in einem Team auch um die Art, wie jeder Einzelne die Kuh füttert. Er muss es gern tun. Nur dann funktioniert ein Team wirklich. 

Waiting for the train in Wengen. #commute

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Aber was tun Sie, um Jansrud und Kilde zu schlagen? Teil Ihres Jobs ist es, auch Freunde zu besiegen.

Das Einzige, was ich tun kann, ist so gut trainieren, wie ich kann. Mich besser aufs Rennen vorbereiten. Wenn ich das besser mache als Jansrud und Kilde, dann kann ich sie schlagen. Wenn nicht, dann nicht. 

In der Vorbereitung auf dieses Interview ist mir ein Zitat besonders aufgefallen: „Es gibt Wichtigeres im Leben als einen sauberen Riesenslalomschwung. Aber im Moment, in dem du um die Kurve fährst, gibt es nichts Wichtigeres auf der Welt.“ Wäre dieses Interview nur einen Satz lang, wäre das der Satz, den ich nehmen sollte?

Wenn Sie ihn richtig verstehen, wäre er eine gute Wahl. Weil er über verschiedene Dinge sehr viel sagt. Zunächst über Fokus. Denn während du um ein Tor fährst, kannst du in diesem Moment nichts auf der Welt beeinflussen als bloß diesen Schwung. Das Beste, was du in deinem Leben in diesem Moment tun kannst, ist, den besten Schwung zu ziehen, den du ziehen kannst. Es hat keinen Sinn, sich über etwas den Kopf zu zerbrechen, das du nicht ändern kannst. Der Satz sagt auch etwas über Respekt. Denn du fährst ja nicht für dich allein, wie gesagt. Wenn ich jetzt hingehe und nicht mein Bestes gebe, dann bin ich unglaublich respektlos gegenüber jedem, der Energie investiert hat, um mir zu ermöglichen, schnell Ski zu fahren. Natürlich, global gesehen ist der Skirennsport ziemlich unwichtig. Aber das darf keine Rolle spielen, wenn ich ein Rennen fahre. Sonst verrate ich meinen Sport und alle, die mit ihm zu tun haben. Denn was ist ein Skirennen wert, wenn es nicht ernst genommen wird? Gar nichts. Ich zeige meinen Respekt vor dem Gegner am besten, indem ich auf der Strecke alles versuche, ihn zu schlagen.

It's not skiing, but it's #progress

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Beaver Creek 2007: Jochbeinbruch, doppelter Nasenbeinbruch, tiefe Schnittwunde am Gesäß, Sie drohten zu verbluten. Olympia Sotschi 2014: Abreise wegen Allergien. Sölden 2014: Achillessehnenriss. Kitzbühel 2016: Kreuzbandriss, Meniskusriss, Knorpelschaden. Fehlt etwas in der Aufzählung der größeren Rückschläge?

2006, glaube ich, gab’s eine gebrochene Rippe, aber das war kurz vor der Weihnachtspause, da musste ich nur in zwei Rennen die Zähne zusammenbeißen. Und 2009 riss ein Wadenbein aus der Verankerung, das war auch keine große Sache.

Nach Verletzungen posten Sie gerne Witze auf Facebook. Wie schaffen Sie das, so gelassen zu sein?

Jeder Mensch hat gute und schlechte Tage. Aber das Leben eines Athleten ist extrem. Er hat sehr, sehr gute und sehr, sehr schlechte Tage. Ich versuche, das auszugleichen. Wenn ich gewinne, freue ich mich, aber nicht zu extrem. Wenn ich mich verletze, bin ich traurig, aber nicht extrem. Diese Balance ist nötig. Wenn ich die Emotionen extrem auslebe, gehe ich als Athlet durch Himmel und Hölle, jede Woche. Das hält ja keiner aus. Ich wäre nach spätestens einem Jahr fertig. Und weil Sie nach Rückschlägen fragen: Na gut, es ist passiert, Kreuzband gerissen, Achillessehne gerissen. Und die Heilung braucht Zeit. Nun ist es meine Aufgabe, das Beste aus dieser Zeit zu machen. Bei der Achillessehne wollte ich zuerst auf die Uni gehen, das ging nicht, weil das ­Semester bereits begonnen hatte. Also fuhr ich stattdessen ins Silicon Valley, um dort von smarten Leuten etwas zu lernen.

77. Hahnenkammrennen:
Kitzbühel, 17.– 22. 1. 2017

Die spektakulärste Ski-Weltcup-Woche startet am Dienstag, dem 17. Jänner, um 11.30 Uhr mit dem ersten Abfahrtstraining auf der Streif. Ebenso wird am Mittwoch (18. 1.) und Donnerstag (19. 1.) auf der schwierigsten aller Abfahrtsstrecken trainiert. Das Renn–Wochenende wird Freitag (20. 1.) um 11.30 Uhr mit dem Hahnenkamm-Super-G eröffnet, Vorjahressieger: Aksel Lund Svindal. Samstag (21. 1.) geht um 11.30 Uhr der erste Läufer der Abfahrt auf die Streif. Vorjahressieger: der Italiener Peter Fill, Gewinner des Abfahrts-Weltcups 2015/16. Samstag um 18.30 Uhr wird der Abfahrtssieger feierlich im Zielgelände geehrt, Feuerwerk inklusive. Am Sonntag (22. 1.) findet der Slalom statt, der erste Durchgang beginnt um 10.30 Uhr, der entscheidende zweite um 13.30 Uhr. Im Vorjahr gewann der Norweger Henrik Kristoffersen, der auch im Slalom-Weltcup 2015/16 triumphierte.

Die Schweizer sagen, Wengen ist das wichtigste Rennen der Welt. Die Österreicher sagen, es ist Kitzbühel. Was ­sagen die Norweger? Kvitfjell?

Hahaha, nein. Kitzbühel. 

Die schwierigste Passage auf der Streif?

Der Start. Die ersten beiden Kurven nach dem Start, Mausefalle, Kompression, Panoramakurve, Steilhangeinfahrt, Steilhang­ausfahrt. Du bist binnen zwei Sekunden im Auge des Hurrikans. Von null auf ­hundert, wie mit dem Lichtschalter auf­gedreht. Kein Herantasten, keine Sekunde Durchatmen bis zur Steilhangausfahrt. Bambambambambam, die Challenges fliegen dir um die Ohren. Ich glaube, diese Passage wurde noch nie perfekt bewältigt. Von keinem Läufer. Sie ist einfach zu schwierig, und alles passiert zu schnell.

Sie haben zweimal den Super-G in Kitzbühel gewonnen, aber die Abfahrt noch nie. Ist die Karriere eines Abfahrers komplett ohne Sieg auf der Streif?

Die Antwort ist wahrscheinlich nein. Aber ich habe noch nicht darüber nachgedacht.

Sie denken nicht an diesen einen Sieg, der noch fehlt?

Es kommt drauf an, wie Sie es sehen ­wollen. Ist das Glas fast voll? Oder ist es immer noch ein wenig leer? Sagen wir, ich gewinne Kitzbühel nicht mehr. Und dafür gibt es eine gute Chance, denn du kommst nicht zur Streif und sagst: „Hey, ich gewinne jetzt.“ Um hier zu gewinnen, müssen so viele Dinge passen … du musst eine sehr gute Leistung bringen, viele äußere Faktoren müssen passen, angefangen vom Wetter. Wenn Sie mich fragen, ob es mein Ziel ist, einmal die Abfahrt auf der Streif zu gewinnen, sage ich: Nein. Mein Ziel kann nicht sein, ein Rennen zu gewinnen. Mein Ziel ist es, gut genug zu fahren, um das ­Rennen gewinnen zu können. Den Rest habe ich nicht unter Kontrolle. Also kann der Rest auch keine Rolle in meinen ­Gedanken spielen.

Beim Rennen im Vorjahr, als Sie so schwer stürzten, waren die Verhältnisse mindestens grenzwertig, außer Ihnen stürzten zwei weitere Spitzenläufer an derselben Stelle schwer. Es wurde nach exakt 30 Läufern abgebrochen – nach 29 wäre das Rennen annulliert worden. Wie würden Sie nennen, was Ihnen passierte? Pech?

Nein. Das wäre das Falscheste, was ich tun könnte. 

Inwiefern?

Denn das würde heißen, dass es jederzeit wieder passieren könnte. Glück und Pech kann jederzeit passieren, ohne dass ich es kontrollieren kann. Ich würde ab sofort mit dem Bewusstsein fahren, ausgeliefert zu sein. Das wäre nicht gut.

Alle nach Ihnen fuhren an dieser Stelle die weniger riskante, langsamere Linie. 

Der Sieger (Peter Fill; Anm.) war die schnellere Linie ge­fahren. Wenn du nach Kitzbühel kommst, weißt du: Kitzbühel ist eine extreme Strecke. Wenn du hier crashst, hat es Konsequenzen. Andere ­Strecken sind wie MotoGP-Circuits, mit großen Sturzräumen. Kitzbühel ist wie das legendäre Tourist-Trophy-Motorradrennen auf der Isle of Man. Oder wie die Formel 1 in Monte Carlo. Hier zu crashen bedeutet Konsequenzen.

Walk it off!! Well, doesn't really work that way. But it was worth a try... #attackingvikings

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Andere Läufer würden sich über die Jury beschweren, dass trotz der extremen Verhältnisse nicht früher abge­brochen wurde, und ganz ehrlich: Ich würde sie verstehen.

Wir könnten das jetzt stundenlang de­battieren, aber es hat keinen Sinn. Es ist passiert. Okay. Ich war einer von drei, die exakt an derselben Stelle gestürzt sind. Okay. Aber ich habe die Aufgabe, mich auf meinen Part zu konzentrieren. Entscheidungen von FIS oder Rennleitung sind Fakten für mich. Müssen sie sein. Denn ohne Vertrauen können wir keine Rennen fahren. Wenn ich im Startgate ­stehe und zweifle, ob das Rennen sicher ist, dann ist das das Ende meiner Karriere. Dann muss ich sofort aufhören. Dann macht es ja keinen Spaß mehr.

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02 2017 The Red Bulletin

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