Thomas Raffls NHL-Traum lebt weiter

Thomas Raffl im Interview: Wieso er weiterhin an seine NHL-Chance glaubt

Interview: Kurt Vierthaler
Foto: GEPA Pictures

Thomas Raffl wechselte mit 29 Jahren nach Amerika. Doch sein Traum von der NHL zerplatzte im Frühjahr jäh. Vorerst. Denn im Interview mit The Red Bulletin gibt er sich kämpferisch. Weil er eine wichtige Sache lernte.

THE RED BULLETIN: Vergangenes Jahr zur selben Zeit warst du mitten im Trainingscamp der Winnipeg Jets. Ist auch ein lachendes Auge dabei, wieder beim EC Red Salzburg Eishockey zu spielen oder überwiegt die Enttäuschung?

THOMAS RAFFL: Natürlich ist auch ein lachendes Auge dabei. Ich durfte die Erfahrung Nordamerika machen und habe meine Erkenntnisse daraus gewonnen. Wobei ich nicht alles schön reden will.

Was meinst du konkret?

Ich habe natürlich andere Ziele angestrebt und gehofft, dass es besser läuft. Aber das ist Spitzensport. Eine Verletzung passiert schnell, dann bist du weg. Jetzt muss ich den Blick wieder nach vorne richten.

Fühlte sich der Schritt zurück nach Österreich nicht wie eine Niederlage an?

Nein, gar nicht. Man sieht wieder einmal, wie nah alles beisammen liegt. Vor ein paar Jahren hätte sicher noch keiner daran geglaubt, dass man es direkt aus Österreich in die NHL schaffen könnte. Den Beweis habe ich erbracht, auch wenn es letztlich nicht ganz geklappt hat. Aber man sieht, dass sich Österreichs Eishockey auf einem sehr hohen Niveau befindet.

Wie haben die Jungs auf deine Rückkehr reagiert?

Natürlich durfte ich mir ein paar Späße anhören, aber jeder hätte mir den Durchbruch gegönnt. Wobei sie jetzt auch froh sind, dass ich wieder da bin.

Nun, wo du Nordamerika selbst hautnah miterlebt hast: Wie brutal ist es wirklich?

Es ist schon anders, die Konkurrenz enorm groß. Viele Spieler wollen in die NHL, aber nur ein Bruchteil davon schafft es, sich dort überhaupt beweisen zu dürfen. Und wenn du es mal in den Kader geschafft hast, ist die Konkurrenz immer noch groß. Allerdings ist es in Österreich schon ähnlich: Die Plätze sind begrenzt, der Kampf wird immer härter.

„Ich habe sicher die eine oder andere falsche Entscheidung getroffen und bin vielleicht zu früh zurückgekehrt.“

Du hast vergangenes Jahr im Red-Bulletin-Interview gesagt: „Wenn ich spielen will, muss ich nicht um eine, sondern wahrscheinlich um zwei Klassen besser sein als ihre jungen Draftpicks.“ Wie war das dann wirklich im Vergleich?

Ja, das ist tatsächlich so. Du musst einfach besser sein. Es geht nicht ums Alter, es geht nur um Druck und Leistung.

Du hast sogar mit einem Kieferbruch weitergespielt.

Ja, wobei ich da eine Fehl-Diagnose bekommen habe. Mit einem Kieferbruch hätte ich nicht freiwillig gespielt. Es hieß zuerst, er sei nur geprellt, dabei war er doppelt gebrochen.

Muss man in Nordamerika dennoch mehr über seine Schmerzgrenze hinausgehen?

Nein, es wird dort genauso auf die Gesundheit geschaut. Bei mir sind einfach so viele Sachen gewesen, wo ich mich selbst oft gefragt habe, ob ich nicht einfach durchbeißen soll. Ich habe sicher die eine oder andere falsche Entscheidung getroffen und bin vielleicht zu früh zurückgekehrt.

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Liegt es beim Eishockey nicht an der Natur der Sache, dass man nicht wirklich zimperlich sein darf?

Klar. Ich bin auch ein Spieler, der immer etwas außerhalb der Komfortzone sein muss, um Top-Leistungen bringen zu können. Ich könnte gar nicht sagen, wie viele Spiele es gibt, bei denen ich davor in der Kabine sitze und sage: „Es passt alles, ich fühle mich fit.“ Diese Spiele kann man an einer Hand abzählen.

Du hast zum Thema NHL auch gesagt: „Jeder, der dort ist, will spielen. Er und nicht der andere. Das weiß man, wenn man eine Kabine betritt.“ Spürt man das wirklich so stark?

Thomas Raffls NHL-Traum lebt weiter

„Pomsche“ im Trikot der Winnipeg Jets. Der NHL-Traum war in Kanada schon zum Greifen nahe.

© Getty Images

Du kannst natürlich schon Freundschaften schließen, aber in der AHL dominiert ganz klar der Konkurrenzkampf. Es wirkt, als würden 20 Einzelsportler in der Kabine sitzen. Jeder hofft auf einen Fehler des anderen, jeder will das Beste für sich herausholen.

Wie war dein Standing als Österreicher?

Die Herkunft ist relativ egal – was zählt, ist dein Status als Spieler. Ich habe mir den Vertrag im Camp erspielt und auch mit AHL-Eiszeit NHL-Geld verdient. Das wissen die anderen natürlich auch. Du wirst allerdings eher forciert, weil der Verein ja will, dass du so schnell wie möglich nach oben kommst. Leider haben mir die vielen Verletzungen einen Strich durch die Rechnung gemacht.

Waren die Verletzungen einfach Pech oder warst du überehrgeizig?

Nein, das kann dir auch in Österreich passieren. Einmal hat mich ein Check zehn Wochen gekostet, nach meiner Rückkehr habe ich einen abgefälschten Schuss ins Gesicht bekommen. Am Ende hat nichts mehr zusammen gepasst. Der Check hat meinen Körper etwas aus der Linie gebracht.

Ich komme nochmal zurück auf das Interview vergangenes Jahr. Du hast gemeint, es wäre deine letzte Chance für Amerika. Bleibst du dabei? War es deine letzte Chance?

Ich bleibe noch immer realistisch. Aber auch optimistisch. (grinst) Keiner hätte geglaubt, dass ich es mit 29 noch in die NHL schaffe. Auch ich selbst habe immer daran gezweifelt. Mittlerweile glaube ich aber nicht mehr, dass es eine Altersgrenze gibt. Die Leistung muss stimmen. Und du musst zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort sein. Timing ist alles. Dann kann es auch mit 34 noch klappen.

„In der NHL wird auch nur mit Wasser gekocht. Du spielst einfach mit sehr guten Spielern zusammen, die dich nochmal eine Klasse besser machen.“

War nach dem Ende des Nordamerika-Abenteuers sofort klar, dass es wieder nach Österreich zurückgeht?

Nein, ich habe sehr lange gewartet mit meiner Entscheidung. Ich bin froh, dass Salzburg mir das zugestanden hat. Sie haben mir bis Mitte Juli Zeit gegeben, das ist alles andere als selbstverständlich. Ich konnte mit vielen Teams verhandeln, letztlich ist es aber an meinen Verletzungen gescheitert.

Wie war der Abschied aus Kanada?

Ich hatte Abschlussgespräche mit dem Trainer und dem General Manager, aber was soll man nach so einem Jahr sagen. Sie waren von meiner Leistung sehr angetan und überzeugt, dass ich der Spieler sein hätte können, den sie gebraucht hätten.

Du warst immer überzeugt, dass du mithalten kannst?

Absolut. Das habe ich im Prinzip vorher schon gewusst. In der NHL wird auch nur mit Wasser gekocht. Du spielst einfach mit sehr guten Spielern zusammen, die dich nochmal eine Klasse besser machen.

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Wie war das Leben in Winnipeg? Ich stelle mir das ja sehr einsam vor.

In Winnipeg war nicht viel zu machen. Meistens hatte es um die -45 Grad, da kannst du nicht mal außer Haus gehen. Es gibt drei größere Einkaufszentren, ein Teil der Stadt ist sogar unterirdisch, um die kalte Winterperiode zu überstehen. Ich hatte das Glück, dass meine Freundin für drei Monate bei mir war. Dazu durfte ich ja zumindest 30 AHL-Spiele absolvieren, den Großteil davon auswärts. Da hat man immerhin einen Kontrast.

Was nimmst du konkret aus dem Jahr in Kanada mit?

Das Wichtigste war, dass ich gesehen habe, wo ich stehe. Davor waren es nur Spekulationen. Wie gut muss ich sein, damit ich dort spielen kann? Jetzt weiß ich es. Der Weg dorthin ist beinharte Arbeit. Du musst besser sein als andere, um eine Chance zu bekommen.

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Welche konkreten Ziele hast du dir gesetzt? Amerika war ja dein größtes, nehme ich an.

Das bleibt es auch. Ich denke aber nicht so sehr an die Zukunft. Oder an Verletzungen. Die gehören zum Sport. Ich werde auch nach so einem Jahr nicht vorsichtshalber in der Ecke abbremsen. Das bin ich nicht. Ich werde immer ohne Rücksicht auf Verluste spielen. Das hat mich weit gebracht und wird mich auch noch weiter bringen. Ich will mit den Red Bulls eine gute Saison spielen, dann werden sich Türen öffnen.

Würde dir was fehlen, wenn du nie ein NHL-Spiel absolvieren würdest?

Ich werde nicht aufhören, daran zu arbeiten, dass ich es schaffe. Wenn ich es schaffe, ist es gut. Wenn nicht, würde mich das charakterlich auch nicht verändern. Ich wäre kein geknickter Mensch.

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10 2016 The Red Bulletin

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