Unterwasser-Rugby: Alle Infos

Sport abseits des Alltäglichen:
Unterwasser-Rugby

Text: Christian Eberle
Fotos: Heinz Toperczer

Zu Gast beim Stopp der European Under Water Rugby League in Wien. Was der Sport in drei Dimensionen kann und wieso Russen 32 Stunden dafür durch halb Europa fahren.

Es ist Sonntagfrüh, zu früh für die meisten. Während sich viele noch von den Strapazen der Partynacht erholen, machen sich ein paar Zuseher auf in die Schwimmhalle des Wiener Universitäts-Sportzentrums. Was es dort zu sehen gibt? Weder Schwimmer, die grazil auf den Bahnen ihre Längen ziehen, noch Turmspringer, die elegante Drehungen vollführen, ehe sie ins kalte Nass eintauchen. Nein, heute wird richtige Action im Wasser geboten – Europas Elite im Unterwasser-Rugby gibt sich ein Stelldichein.

Starke Zahlen: Unterwasser-Rugby

„Natürlich gibt es ständig blaue Flecken, einen verstauchten Finger, weil man an der Maske hängenbleibt oder auch kleinere Schnitte durch die Flossen. Aber durch das Wasser werden viele Gefahren im Vergleich etwa zum Namensvetter Rugby minimiert. Es gibt kein Hinfallen, dadurch bleiben Knie oder Sprunggelenke unbelastet.

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„Champions League“​ in Wien

Als Teil der European Underwater Rugby League (EUWRL), sozusagen der Champions League dieses noch relativ jungen Sports, lädt der österreichische Klub UWRC Wien zum zweiten Spieltag, an dem Teams aus Schweden, Finnland, Norwegen, Dänemark, Deutschland, Russland und der Türkei teilnehmen. Insgesamt sind es 10 Teams, die sich über 2 Tage miteinander messen. 

Unterwasser-Rugby

In einem 3,5 bis 5 Meter tiefen Becken bemühen sich 2 Teams zu je 6 Spielern, einen mit Salzwasser gefüllten Ball (schwerer als Süßwasser, Größe eines Handballs) in das gegnerische Tor (40cm-Korb aus Metall) zu bringen.

Es gibt Torleute, Verteidiger und Stürmer und fliegende Wechsel mit bis zu 6 Spielern auf der Bank.

Spielzeit: 2x15 Minuten (5 Minuten Pause)

2 Schiedsrichter unter Wasser mit Tauchgerät, ein dritter steht am Beckenrand.

Sieger ist das Team mit mehr Toren.

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„Das Niveau ist richtig hoch“, erklärt eine Mitarbeiterin des Organisationskomitees im Gespräch mit einer Frau, die gerade die Schwimmhalle im Westen der Stadt betreten hat. „Es sind großartige Mannschaften dabei.“ Das Ambiente wirkt vertraulich und doch ungewohnt. Das tiefe Becken ist durch eine Schwimmleine auf die erforderlichen Maße verkleinert, Kabel liegen über den Fliesen und führen ins Wasser, wo sich die Silhouette eines Kameramanns erkennen lässt, der Geruch von frischem Chlor liegt über allem. Und während sich die Zuschauer zwischen Tribüne und Beckenrand verteilen, ertönt auch schon die Einmarschmusik.

Bekleidet nur mit knappen Badehosen und einem Shirt, auf dem die Nummern prangen, beziehen die Spieler von UWRC Wien und ihrem schwedischen Gegner Polisen DK jeweils auf ihrer Seite des Bassins Stellung. Ihre Ausrüstung: Taucherbrille, Schnorchel, Flossen. Und eine Haube mit Ohrenschutz. Zumindest hier lässt sich die Verwandtschaft mit dem (Land-)Rugby nicht leugnen.

Es folgt die Vorstellung der Spieler, kurzes Grüßen, Wimpeltausch und los geht’s. Sechs Spieler jedes Teams springen gleichzeitig ins Wasser, weitere sechs (sowie zusätzliche Ergänzungsspieler) stehen zur Einwechslung bereit. Und diese lässt nicht lange auf sich warten.

Unterwasser-Rugby: Alle Infos

Unterwasser-Rugby entstand in den 60er Jahren in Deutschland und war - so sagt es die Legende - zu Beginn ein Jux unter Tauchern, denen im Winter fad war.

Wenn Sportler zu Raubfischen werden

Kurz nachdem die Unterwasserhupe des dreiköpfigen Schiedsrichterteams ertönt ist, erkämpfen sich die Wiener den Ball und stürmen dank Muskelkraft und Flosseneinsatz auf das Tor – das eher einem Korb ähnelt – der Schweden zu. Diese, gleich gehörig unter Bedrängnis, wechseln ihre Verteidiger im 20-Sekunden-Takt. Das ist allerdings schon nahezu alles, was man von außen wirklich erkennen kann. Ansonsten gleichen die Angriffswellen der Gastgeber eher einer Raubfischfütterung.

Zunächst auf der Wasseroberfläche abwartend, verschwindet ein Stürmer nach dem anderen für einige Sekunden in der Tiefe, um kurz danach wieder aufzutauchen. Ein Prozedere, das sich ständig wiederholt. Was geschieht nun aber unter Wasser?

Unterwasser-Rugby

Abwarten, Abtauchen, Angreifen - Beim Unterwasser-Rugby sind Koordination und Teamverständnis umso mehr gefragt, da die Spielaktionen in einem relativ knappen Zeitraum gemeinsam durchgeführt werden müssen.

Um diese Frage zu beantworten muss auf den Bildschirm geblickt werden. Kameramann sei Dank wird das Geschehen auf insgesamt drei großen Leinwänden im Sportzentrum übertragen. Und dank Livestream für alle Interessierten überall auf der Welt. „Die Liga-Verantwortlichen aus Russland denken groß“, erläutert Davrell Tien, Kommentator des Streams und laut Eigendefinition einziger Unterwasser-Rugby-Journalist der Welt. „Das TV-Team reist im Bus aus Russland an, kümmert sich um alle technischen Details und fährt dann wieder retour – 32 Stunden.“

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Der Unterwasser-Rugby-Journalist

Diese Infos gibt der gebürtige Amerikaner, der nun in Schweden lebt, selbstverständlich erst nach dem Spiel preis. Währenddessen ist er nämlich damit beschäftigt, die Angriffe und Spielsituationen für das Publikum an den Laptops am anderen Ende der Übertragung zu kommentieren. „Ich habe während der WM 2011 begonnen, ein wenig Pressearbeit zu machen und kurz danach auch die Kommentator-Funktion übernommen.“ 

Unterwasser-Rugby

Kommentator Davrell Tien inmitten der Mitarbeiterinnen der Übertragung

© CE

Tien ist 58, sieht aber mindestens zehn Jahre jünger aus. Vielleicht liegt es am Unterwasser-Rugby, das er selbst seit zehn Jahren aktiv ausübt. Kennengelernt hat er es in Schweden, wo der Sport wie in allen nordischen Ländern sehr beliebt ist. „Dort wird er in nahezu jedem größeren Ort praktiziert“, so Tien.

Insgesamt wird der 58-Jährige nicht müde zu betonen, auf die Professionalität des Sports hinzuweisen. Zwar gäbe es noch Aufholbedarf bezüglich der verbandlichen Struktur, die Athleten an sich gehören aber der Elite an. „Wir haben unter den Spielern Feuerwehrmänner, Polizisten, Schwimmmeister und in Dänemark sogar eine Rallye-Dakar-Teilnehmerin. Ein Akteur hatte die Wahl zwischen einer Profi-Karriere als Fußballer und Unterwasser-Rugby. Er hat Letzteres gewählt.“

Die Mitglieder des UWRC Wien rekrutieren sich eher aus dem Universitätssport. Dennoch dominieren sie ihre Gegner von Polisen DK, wie der Name schon verrät, ein einstiger Polizei-Verein, zu Beginn nach Belieben. 

„Sound of Da Police“ - Promo-Video von Polisen

© YouTube // Polisen UWR

Einzig der mangelnden Chancenauswertung ist es geschuldet, dass auf das 1:0 von Philipp Kreisig kein weiterer Treffer folgt. Nachdem die Schweden dann zwei Minuten vor Ende der 2x15 Minuten Spielzeit noch etwas glücklich zum Ausgleich kommen, ist der Frust im Lager der Wiener verständlich. „Da wäre mehr drin gewesen“, sagt Thomas Denk, Verteidiger und Pressesprecher von UWRC Wien in Personalunion. 

Der Stürmer von UWRC Wien (Nummer 6) schwimmt in Richtung Tor, das Verteidiger und Tormann schnell zu blockieren versuchen, was letztlich auch gelingt.

Zwischen Genialität und dem besonderen Charme

Wenig später überwiegt aber Zufriedenheit ob des guten Turnierablaufs und des nächsten Schritts, den die junge Sportart in Österreich damit getan hat. Des auffälligsten Nachteils von Unterwasser-Rugby ist sich Denk aber bewusst: „Das größte Problem des Sports ist, dass er schwer für Live-Publikum darzustellen ist. Man bräuchte eigentlich eine riesige Glaskugel, wie in einem großen Aquarium. Einzig in Kolumbien, wo der Sport richtig groß ist, haben sie zur WM große Sichtfenster eingezogen.“

Bis das auch anderswo passiert, bleibt Fans des Sports also in erster Linie nur der Thrill via Livestream. Der Faszination für den Sport tue dies aber keinen Abbruch: „Die drei Dimensionen, die du hier erlebst, sind einmalig. Du kannst in jede Richtung passen. Links-rechts, vorne-hinten, oben-unten – das ist genial, aber auch zugleich die größte Challenge für diejenigen, die neu anfangen. Neben dem Luftanhalten, selbstverständlich.“ 

Unterwasser-Rugby

Eigentlich ein Foul: Attacken gegen die Ausrüstung (Ziehen an der Tauchermaske, etc.) sind ebenso verboten wie übertriebene Härte oder Halten eines Spielers, der nicht den Ball hat. 

„Der Einstieg mag schwer sein, aber wenn man dahinter ist, trainiert und Übungen macht, bekommt man die Übersicht“, versichert Peter Kalchgruber, früher Trainer und jetzt Kapitän von UWRC Wien. Für den Stürmer steht fest, dass der Sport in seiner Entwicklung mit vielen Widrigkeiten zu kämpfen hat, doch hat die relative Exklusivität auch seine Vorteile.

„Das Schöne an diesem Sport: du fährst zu den Spielen nicht nach Hütteldorf oder Mödling, sondern bestreitest Turniere mit einem ganz eigenen Charme, etwa in Florenz, Barcelona oder Stuttgart.“ Oder im finnischen Tampere. Dem nächsten Stopp der „Unterwasser-Rugby-Champions League“ 2017.

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03 2017 The Red Bulletin

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