Raphael Honigstein über die gute, alte Fußballzeit

Warum der Fußball eine Leidenschaft mit Leiden ist und keine Unterhaltung

Text: Raphael Honigstein
Bild: Getty Images/Montage

Raphael Honigstein erinnert sich an die guten alten Zeiten. Als Fußball schlecht sein durfte und man sein Team dennoch pflichtbewusst unterstützte.
Raphael Honigstein
Raphael Honigstein

u.a. Fußball-Korrespondent bei „The Guardian“, Autor bei der „Süddeutschen Zeitung“ und seit kurzem Kolumnist bei „The Red Bulletin“
twitter.com/honigstein

Ein befreundeter Arsenal-Fan erzählte mir, er habe das 1:1 der Gunners bei Paris St. Germain in der Champions League letzte Woche nicht bis zum Ende verfolgt. „Ich war gelangweilt und habe die Kneipe nach 65 Minuten verlassen“, erklärte er. Ich weiß nicht, ob diese Langeweile den kontinuierlichen Misserfolgen von Arsene Wengers Team in Europa entspringt, oder eher damit zu tun hat, dass das Ergebnis keine sonderlich große Bedeutung hatte - es ist schließlich nur der Auftakt der Gruppenphase.

Aber das Desinteresse an einem Spiel, das man vor wenigen Jahren sicher als ‚must-watch‘ bezeichnet hätte, passt in eine Reihe ähnlicher Äußerungen, die ich neuerdings oft von Freunden in sozialen Netzwerken und im direkten Gespräch höre: ein gewisser Fußballverdruss geht um.

Ein Bekannter sagte mir, seine Leidenschaft sei abgeklungen und er überlege ernsthaft, nicht mehr zu Spielen seiner geliebten Borussia aus Dortmund zu gehen. Andere meinten, die Champions League unterhalte sie nicht mehr gut genug, da manche Spiele extrem einseitig und für neutrale Beobachter nicht interessant seien.

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Letzte Woche schrieb ich über die zunehmenden Beschwerden über den wichtigsten Wettbewerb der UEFA, aber in der Zwischenzeit bin ich zur Erkenntnis gelangt, dass die Problematik viel tiefer greift. Dass es nicht beim Murren über das Format der Champions League oder über die Gier und unaufhaltbare Kommerzialisierung aufhört. Es geht um etwas Größeres, Persönlicheres. Es ist ein Strudel der Gefühle: Verlust, Enttäuschung, ja sogar Betrug.

Ein Teil des Problems ist schlicht generationsbedingt. Wie die meisten Leute in meinem Umfeld wuchs ich in den Achtziger Jahren auf. In einer prä-digitalen Zeit, in der Fußball nicht etwa als cool und unterhaltsam empfunden wurde, sondern vielmehr als das sportliche Äquivalent zu B-Movies oder Schmuddel-Magazinen - ein ‚guilty pleasure‘, das man an Orten genoss, wo sich normale Leute nicht hintrauten.

Fan eines Teams zu sein war, wie Nick Hornby es in Fever Pitch erklärt, harte, beschwerliche Arbeit, Leidenschaft im Sinne von Leiden. Tief drin vermissen wir älteren Kaliber heute diese Zeiten ohne bequeme, überdachte Stadien und 50 Spielen live im Fernsehen.

Es ist nicht mehr unser Sport, weil er jedermanns Sport ist, mundgerecht verpackt, mit Erdbeergeschmack.

„Man schaute Fußball nicht, um unterhalten zu werden. Man schaute aus einer Art Pflichtbewusstsein, diesem uncoolen, angeranzten Sport gegenüber.“ 

Der Fußball ist so Mainstream geworden, so allgegenwärtig, dass Langeweile oder emotionale Abstumpfung  als natürliche Reaktionen erscheinen (siehe auch: Star Wars). Wir sind nur noch schwer zu begeistern, weil wir schon so unheimlich lange begeistert sind, mit abnehmendem Ertrag. Zu entschleunigen, auszuschalten, etwas anderes zu tun erscheint uns sinnvoll.

Der zweite Grund für die wachsende Gleichgültigkeit betrifft auch jüngere Fans/Konsumenten. Er hat etwas mit falschen Erwartungen zu tun. Wer in den nicht so guten, alten Zeiten den Fußball liebte, tat dies im Bewusstsein, dass Fußball als Form der Unterhaltung ziemlich oft ziemlich scheiße war. Die besten Spieler der Welt sah man, wenn überhaupt, einmal im Jahr. Die meisten Spiele waren öde, spröde, glanzlos.

Das war aber egal. Denn man schaute Fußball nicht, um unterhalten zu werden. Man schaute aus einer Art Pflichtbewusstsein, diesem uncoolen, angeranzten Sport gegenüber. Man leistete seinen Beitrag und verschloss das Auge vor den Hässlichkeiten - dem Rassismus, den Vokuhilas, der Gewalt - oder machte sich über sie in ironischer Abwehrhaltung lustig.

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Aber jetzt, da der Fußball vergleichsweise stylisch und schön geworden ist, dank einer Konzentration der Talente bei den besten Vereinen und Hattricks von CR7 oder Messi auf Knopfdruck, haben wir ein wenig vergessen, dass dieser immer noch in der Lage ist, scheiße zu sein. Besonders, wenn einen das Ergebnis nicht kümmert.

Wir schalten mit einem gewaltigen Anspruchsdenken ein und erwarten, dass uns der Fußball jene dramatischen Stories, unerwarteten Wendungen und epischen Schlachten bietet, die als erfundene Geschichten zu jeder Minute auf Laptop oder Bildschirm zu haben sind. Als Sport mit wenig Toren liefert  er jedoch immer noch sehr viel ereignislosen Müll,  zähe Kost für alle, die keinen emotionalen Bezug zu den Teams haben.

Irgendwie scheinen wir vergessen zu haben, dass eben Fußball auch so ist oder zumindest so sein kann. Wir fühlen uns deshalb wie über den Tisch gezogen, betrogen. Das ist aber nicht nur unsere eigene Schuld. Wenn Fußball vor allem als Unterhaltung verkauft wird, bleibt große Enttäuschung zurück, wenn keine Unterhaltung geboten wird.

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09 2016 The Red Bulletin

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