Warum Tottenhams Leistung nicht genug gewürdigt wird

Warum bekommt Pochettinos Tottenham nicht die Anerkennung, die es verdient?

Text: Raphael Honigstein
Foto: Getty Images

Fußball-Experte Raphael Honigstein blickt auf Tottenham Hotspur und die Gründe, warum das Team von Coach Mauricio Pochettino trotz Erfolges nicht genug gewürdigt wird.
Raphael Honigstein
Raphael Honigstein

u.a. Fußball-Korrespondent bei „The Guardian“, Autor bei der „Süddeutschen Zeitung“ und seit 2016 Kolumnist bei „The Red Bulletin“
twitter.com/honigstein

„Letzte Saison hatte es die ganze Welt auf uns abgesehen“, sagte Maurico Pochettino am Wochenende, „wir haben gegen alle gekämpft. Dieses Jahr sind wir nur darauf fokussiert, gegen den jeweiligen Gegner auf dem Platz zu kämpfen. Jetzt ist es fair.”

Das hört sich arg dramatisch an und wirft einige Fragen auf. Litt Tottenham Hotspur 2015/16 wirklich darunter, dass sich weite Teile der britischen Öffentlichkeit für das Fußballwunder™ Leicester City erwärmten? Und wenn ja, warum? Die Vorliebe neutraler Fans hat auf den ersten Blick wenig mit Tottenhams schwachem Saisonende zu tun. (Ein verdienter Spieler machte unter der Hand Pochettinos überhartes Trainingsregime verantwortlich). Hat Pochettino drittens mit seiner Annahme recht, dass die Neutralen nun wirklich streng neutral sind?

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Da der diesjährige Kontrahent im Titelkampf nicht der knuffige Claudio Ranieri und seine Gruppe von liebenswürdigen Spätstartern ist, sondern Chelsea unter Antonio Conte, könnte der Spurs-Coach mit der letzteren Annahme Recht haben; die öffentlichen Zuneigungen dürften deutlich gleichmäßiger verteilt sein. Der 45-Jährige hat sich für die anstehende PR-Schlacht bereits positioniert: Der Hinweis auf die „Künstlichkeit“ der Blues unter Besitzer Roman Abramowitsch soll Herzen gewinnen.

Dieser Schrei nach Sympathie hat zweifelsohne aber auch mit einer gewissen Frustration zu tun. Egal, wie das Titelrennen ausgeht  - wenn es überhaupt eines gibt  -  kann man schon jetzt sagen, dass die Resultate der Spurs in der Premier League in den letzten zwölf Monaten aus seltsamen Gründen nicht das Lob erhalten haben, das sie eigentlich verdient hätten.

A happy Mauricio after a fine first-half display... #COYS #THFC

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Letztes Jahr lenkte Leicester von jenem ziemlich sensationellen Erfolg ab, einer Platzierung in den Top Drei vor beiden Clubs aus Manchester, Liverpool und einem indisponierten Chelsea unter Mourinho und Guus Hiddink. Und auch diese Saison hat die ebenso beeindruckende Konstanz hinter dem Tabellenführer Chelsea, mit deutlich verbesserter Konkurrenz um die Champions-League-Plätze, ebenfalls für relativ wenig Schlagzeilen gesorgt.

„Pochettino ist nicht so berühmt, sexy oder verrückt wie die anderen Trainer der Top Sechs.“

Es gab das eine oder andere Dele-Alli-Jubelstück, klar, aber kaum eingehendere Analysen, die gezeigt hätten, wie der frühere Verteidiger von Espanyol eine talentierte, aber nicht unbedingt mit Stars gespickte Mannschaft zum zweitbesten Team Englands geformt hat.

Im Gegenzug dazu wird Antonio Conte für seine taktischen Kniffe und sein tolles Management verherrlicht, und José Mourinho schafft Woche für die Woche „die Wende bei Man United“, seitdem er die Red Devils von Platz Sechs auf Platz Fünf geführt hat. Jürgen Klopps Liverpool-Engagement und Pep Guardiolas Regentschaft bei Man City haben vermutlich ebenfalls viel mehr Zeilen in den Kolumnen gefüllt. Von Arsène Wengers Krise ganz zu schweigen. 

Warum also taucht der Erfolg der Spurs mit der individuell schwächsten und „englischsten“ Mannschaft aller Spitzenclubs kaum auf dem Radar auf?

Das Problem ist wohl, dass der Nord-Londoner Klub sich wie schon im Vorjahr nicht an das Drehbuch hält. 2016/17 wurde als die fußballerische Version von Game of Thrones angekündigt, als Schlacht der klügsten Köpfe an der Seitenlinie. Aber schon im Sommer passte Pochettino schon nicht so recht in diesen „Kampf der Supertrainer“. Er ist nicht so berühmt, sexy oder verrückt wie die anderen Trainer der Top Sechs, er hat noch keine Trophäen gewonnen und noch nie einem Gegner ins Auge gepikst. Er passte einfach nicht so ins Bild.

„Poch“ mag seitdem vier dieser Koryphäen in der Tabelle in den Schatten gestellt haben, aber sein eigenes Profil hat in der Zwischenzeit kaum an Schärfe gewonnen. Er ist immer noch der grübelnde, sehr ernste Südamerikaner, der Journalisten wenig interessantes Material liefert, er hat keinen coolen Spitznamen und spaltet die öffentliche Meinung nicht in zwei Lager. Was er tut oder sein lässt, findet außerhalb des Londoner Nordens kaum Beachtung. 

Sind die Fans mit schuld am Misserfolg der Vereine?

Experte Raphael Honigstein über die Rolle der Fußballanhänger.

Zum Teil hat das sicherlich mit den Spurs selbst zu tun. Abgesehen von einer sehr aufregenden Saison in der Champions League mit Gareth Bale hat Tottenham im 21. Jahrhundert kaum für Begeisterung gesorgt. Aber es spielen noch mehr Faktoren eine Rolle.

Zeitungsredakteure und Online-Journalisten haben ihre Berichterstattung in dieser Saison ganz bewusst auf die Männer auf den Bänken ausgerichtet, weniger auf die Geschehnisse auf dem Feld. Es ist viel leichter, an die Trainer heranzukommen als an die Spieler, der Fokus auf Zitate und Trainer-Geschichten hilft, ein traditionelles Problem zu bewältigen: Die gedruckte Sprache eignet sich nicht besonders gut für die Beschreibung des hoch-komplexen, schnelllebigen Spektakels.

Pochettinos eigene Geschichte ist aber schlicht und ergreifend noch nicht übermäßig interessant. Ein weiterer zweiter oder dritter Platz würde daran auch nicht viel ändern. Wenn er und seine Männer echte Anerkennung erhalten wollen - in einer Liga, die sich über die Siegerqualitäten ihrer Trainer definiert - bleibt Pochettino nichts anderes übrig, als in diesen erlesenen Club als vollwertiges Mitglied aufgenommen zu werden. Und dafür muss er Titel gewinnen. Egal, ob die ganze Welt dabei für oder gegen ihn ist. 

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04 2017 The Red Bulletin

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