Wieso Star-Trainer Englands Fußball schaden

Wieso die Star-Trainer Englands Fußball (langfristig) schaden

Text: Raphael Honigstein
Foto: Wikimedia Commons/Montage (Gordon Flood/Majorow Wladimir/Wonker/Rufus46)

Raphael Honigstein spricht über die mächtigsten Männer im englischen Fußball, die hochgelobten Star-Trainer, und erklärt, welche Nachteile ihre Macht mit sich bringt.
Raphael Honigstein
Raphael Honigstein

u.a. Fußball-Korrespondent bei „The Guardian“, Autor bei der „Süddeutschen Zeitung“ und seit kurzem Kolumnist bei „The Red Bulletin“
twitter.com/honigstein

Letzte Woche veröffentlichte der Daily Telegraph seine Liste der „50 mächtigsten Leute im englischen Fußball“. Die vagen Auswahlkriterien brachten einige Seltsamkeiten hervor - Manchester Uniteds Sturmtalent Marcus Rashford, 18, wird als 38. aufgeführt, während David Beckham (16.) einflussreicher eingeschätzt wird als Martin Glenn, der Chef des englischen Fußballverbands. Natürlich sollten solche Listen nicht zu ernst genommen werden. Sie sind dafür da, Reaktionen auszulösen, nicht für tiefergehende Analysen.

José Mourinho wird sie dennoch zur Kenntnis nehmen. Der wahnsinnig ehrgeizige Trainer von Manchester United nahm einst derart Anstoß daran, dass ein portugiesischer Landsmann in einem Sportmagazin Juventus-Coach Fabio Capello als „Trainer der Champions-League-Vorrunde“ nannte - und nicht ihn selbst -, dass er den langjährigen Freund zwei Jahre lang ignorierte. José wird als vierteinflussreichste Figur gelistet, zwei Plätze hinter Erzfeind Pep Guardiola (Manchester City), der in dem Ranking nur noch von Premier-League-Boss Richard Scudamore ausgestochen wird.

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Aber was heißt „mächtig“ in Bezug auf Trainer überhaupt? Die Autorität, die Trainer bei ihren jeweiligen Vereinen haben, verschafft ihnen im Verbund mit der Größe ihrer Klubs eine gewisse Relevanz. Andere können sie aber nur durch Ergebnisse und den Einsatz von Transfermitteln beeinflussen. Gemäß dieser Definition kann Guardiola, der den Meisterschaftsfavoriten trainiert - und den Klub, der Spielern anderer Premier-League-Vereine am aggressivsten nachstellt - durchaus einiges an externem Einfluss zugeschrieben werden.

Ob der Man-City-Trainer in der Lage sein wird, seinen eigenen, doch deutlich anders gelagerten Ansprüchen gerecht zu werden, steht auf einem anderen Blatt. Guardiola erzählte einem Publikum in London anlässlich der Veröffentlichung von Johan Cruyffs posthumen Memoiren, dass Trainer nicht an Trophäen gemessen werden sollten, sondern an ihrem nachhaltigen Einfluss und an der Kultur, die sie weitergeben. Und hier wird es interessant. Denn der englische Fußball funktioniert so nicht.

Der Trainerkult hat hier keine Reihe von Schülern und Epigonen hervorgebracht, die bereit sind, die Arbeit ihrer Mentoren fortzusetzen. Die großen, erfolgreichen Trainer der Premier-League-Geschichte waren allesamt Unikat, entweder unfähig oder schlicht nicht willens, eine Fußballkultur zu entwickeln, die auch ohne sie weiterlebt.

„Wo auch immer die Alphatiere die Bühne verlassen, geht mit ihnen auch die Einflusskraft. Die Vereine müssen stets von vorne beginnen.“

Was, zum Beispiel, ist von den 27 unsagbar erfolgreichen Jahren des Alex Ferguson bei Manchester United übrig geblieben? Vom aktuellen Trainer abgesehen hat der Verein nullkommanull fußballerische Kompetenz im Haus. Ehemalige Spieler, die das Sir-Alex-Gen in sich tragen, sind bisher nur als TV-Kommentatoren in Erscheinung getreten, ihr direkter Einfluß auf den britischen Fußball ist erstaunlich gering. Fergusons Versäumnis, eine Dynastie nach Cruyff’schem Vorbild aufzubauen, wird den reichsten Club der Welt noch auf Jahre bremsen, da er weitgehend gezwungen ist, Fachwissen zu importieren - so wie alle seine Rivalen.

Arsène Wenger arbeitet bei Arsenal ebenso fahrlässig. Die Innovationen des Franzosen - besseres Training, besseres Scouting, bessere Ernährung, mehr Kombinationsfußball - haben den englischen Fußball massiv geprägt, aber er hat keinerlei Anstrengungen unternommen, prominente ehemalige Spieler in seine Arbeit einzubinden. Das Fehlen einer Unternehmenskultur kommt ihm selbst entgegen - da die Abhängigkeit seines Vereins ihm gegenüber so verlängert wird - aber die Probleme werden kommen, wenn ein Anderer das Ruder übernimmt.

Siehe auch: Mourinho beim FC Chelsea, Rafael Benítez beim FC Liverpool. Wo auch immer die Alphatiere die Bühne verlassen, geht mit ihnen auch die Einflusskraft. Die Vereine müssen stets von vorne beginnen, üblicherweise mit dem nächsten „Sektenführer“, der alle Kompetenzen in sich vereint.

Der Reichtum der Premier League macht es möglich, diese gewaltigen, regelmäßigen Umbrüche zu verarbeiten. Aber es besteht kein Zweifel, dass der englische Fußball an sich darunter leidet, dass es auf der Insel im Gegensatz zu anderen großen Fußballländern weder Trainernetzwerke noch einen organisierten Wissenstransfer gibt.

Ehemalige Spieler spielen so gut wie gar keine Rolle in der Führung von Vereinen, sie arbeiten selten als Co-Trainer und scheinen einen Start in den unteren Ligen - oder, Gott bewahre, in der Jugendarbeit - als unter ihrer Würde zu empfinden. So wird aus dem Mangel an einheimischen Trainertalenten ein Teufelskreis. Auf der “Top 50”-Liste ist übrigens, das wird niemanden verwundern, kein englischer Trainer zu finden.

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10 2016 The Red Bulletin

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